Krimis & Thriller

Der Mrder , der keiner war

Quinn Walker kehrt im Jahre 1919 in seine australische Heimat zurück. Zehn Jahre zuvor hatte er das Land unter nicht ganz freiwilligen Umständen verlassen müssen. Als Sechzehnjähriger hatte das Örtchen Flint ihn kurzerhand als den Mörder seiner vier Jahre jüngeren Schwester Sarah verurteilt. Dabei hatte Quinn lediglich seine kurz zuvor getötete und blutverschmierte Schwester in Händen gehalten. Doch für den Mob war die Sache eindeutig, so dass Quinn Hals über Kopf seine Heimat in New South Wales hinter sich lassen musste. Über Sydney war er schließlich nach Europa gelangt, wo er als Soldat die Schrecken des Ersten Weltkriegs erlebte.

"Beraubt" ist der zweite Roman aus der Feder des australischen Schriftstellers Chris Womersley, jedoch der erste, der hierzulande in einer deutschen Übersetzung erschienen ist. Der Titel "Beraubt" - bzw. "Bereft" im englischen Original - beschreibt laut Quinns Mutter den furchtbaren und durch nichts zu kompensierenden Zustand einer Mutter, der ein Kind entrissen wurde. Sehr einfühlsam schildert Womersley, wie stark und nachhaltig der tragische Vorfall anno 1909 das Leben sämtlicher Mitglieder der Familie Walker beeinflusste und veränderte.

Quinn Walker darf sich trotz der vielen Jahre, die ins Land gezogen sind, nur sehr bedächtig seiner alten Heimat nähern, denn für die Bewohner Flints gilt er immer noch als vogelfrei. So gibt sich Quinn nur seiner im Sterben liegenden Mutter zu erkennen und sucht diese regelmäßig auf, um ihr klarzumachen, dass ihr Sohn nicht der Mörder ihrer Tochter ist. Ansonsten hält sich Quinn im Umland Flints auf, wo er auf die junge Sadie Fox trifft. Sadie ist nach dem Tod ihrer Mutter obdachlos und erinnert Quinn stark an seine Schwester Sarah. Das umtriebige Mädchen versorgt ihn sowohl mit Lebensmitteln und Kleidern als auch mit Informationen. Gemeinsam beginnen sie, Quinns Onkel, Robert Dalton, von dem Quinn überzeugt ist, dass er zehn Jahre zuvor Sarah getötet hat, ins Visier zu nehmen.

"Beraubt" ist ein Roman über Gerechtigkeit und den beinahe unmöglichen Versuch, diese gegen die unbegründete Überzeugung der Menschen wiederherzustellen. Womersley hat keinen Krimi oder Thriller im klassischen Sinne geschrieben, sondern einen ungewöhnlichen Roman, der sich zweifelsohne mit dem Stempel "Literatur" versehen lässt. Dem Autor gelingt es, den Leser mit seiner Sprache und seinen gelungenen Beschreibungen in den Bann zu ziehen, obgleich die Story als solche sich auch auf einigen wenigen Seiten zusammenfassen ließe. Man hofft mit dem Protagonisten Quinn Walker, dass er seinem einst glücklichen Leben, das ihm unverschuldet aus den Fugen geriet, doch noch eine Wendung geben kann, die ihn und seine Familie Frieden finden lässt. Doch dass es dafür nur geringe Chancen gibt, macht Womersley dem Leser unmissverständlich klar.

Womersley packt in "Beraubt" die Tragik der Welt: Neben einem geschehenen großen Unrecht wütet die Spanische Grippe unter denjenigen Menschen, die von den Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs verschont geblieben waren. Quinn selbst ist immer noch stark belastet durch seine Kriegserlebnisse, die ihn ständig in seinen Erinnerungen heimsuchen und an denen Womersley den Leser in zahlreichen Rückblenden teilhaben lässt. Darüber hinaus erlebt man dank der eingehenden Beschreibungen des Autors die extreme und lebensfeindliche Fauna und Flora Australiens hautnah mit.

Geschickt würzt Chris Womersley die Handlung mit surrealen Elementen, ohne dabei abzuheben. Die naheliegenden Parallelen zwischen den beiden Charakteren Sadie Fox und Sarah Walker lassen den Leser lange Zeit im Unklaren darüber, ob es sich bei Sadie nicht bloß um eine Halluzination Quinns handelt, der womöglich seine wehmütigen Erinnerungen an Sarah auf eine fiktive Person projiziert. Der Autor hat sich einige dieser feinen Spannungselemente in "Beraubt" zu Nutze gemacht, um den Leser zu begeistern und zu fesseln. Jedoch wird der hiesige Leser nach diesem Trip durch das Australien vor einhundert Jahren das Buch schließen und glücklich darüber sein, im Hier und Jetzt in einer nur wenig unwirtlichen Gegend leben zu dürfen.

Christoph Mahnel 
21.05.2013

 
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Das Buch:

Chris Womersley: Beraubt. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

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Mnchen: DVA 2013
320 S., 19,99
ISBN: 978-3-421-04572-0

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