Krimis & Thriller

Noch nie verffentlichte Stories

Mit dem Erzählband "Die stille Mitte der Welt" veröffentlicht der Diogenes Verlag 14 Kurzgeschichten von Patricia Highsmith, die sie in den Jahren 1938 bis 1949 schrieb. Als die Schriftstellerin 1995 mit 74 Jahren starb, hatte sie vor allem mit ihrem berühmten Antihelden Tom Ripley ("The Talented Mr. Ripley" 1956), dem Mörder, der nicht gefaßt wird, Weltruhm erlangt, nicht zuletzt dank der Verfilmungen des Ripley-Stoffs.

In dem Erzählband "Die stille Mitte der Welt" ist es die noch junge Highsmith, die ihre ersten Geschichten entwirft, aber die Themen, die sie ihr weiteres Schriftstellerleben verarbeiten wird, klingen bereits an: Highsmith zeigt uns ihre isolierten Figuren, auf der Suche nach Freundschaften, nach einem Neuanfang. Sie erscheinen oftmals instabil und hochgradig sensibel für ihre Umgebung, wie zum Beispiel Aaron Bentley aus der ersten Erzählung "Die Morgen des ewigen Nichts".
Aaron ist mit dem Zug unterwegs und sieht plötzlich in einer kleinen Stadt am Rande der Bahnschienen die Möglichkeit eines neuen Lebens. "Glücksgefühl, guter Wille und Optimismus ließen ihn wie auf Wolken gehen. Eine neue Stadt, jungfräulich, voller Möglichkeiten, wo er von vorne anfangen konnte!" Aber Aaron kann das Glücksgefühl und den Optimismus nicht festhalten. Überall wittert er Fallstricke: Ist die Freundlichkeit der Stadtbewohner wirklich so gemeint? Beäugen ihn nicht alle mit Mißtrauen? Der Rhythmus der Erzählung wird durch diesen schnellen Stimmungswechsel von höchsten Glücksgefühlen zu Panik und Mißtrauen geprägt.

Dabei ist die Perspektive von Patricia Highsmith entscheidend. Wie auch später bei ihren großen Romanen "Strangers on a Train" (Zwei Fremde im Zug, 1950) oder den Tom Ripley-Romanen hält sie sich als Erzählerin zurück und läßt uns in die Haut von Aaron kriechen. Im Laufe der Story steigert sich Aarons Mißtrauen und schlägt um in eine unbestimmte Angst. Denn inzwischen hat er eine Art Freundschaft zu dem jungen Mädchen Freya geknüpft und nach einer direkten Ermahnung seiner Wirtin, daß eine solche Freundschaft unschicklich sei, setzt sich Aarons Beklemmung durch: "Als er so am Fenster kauerte, schien sich die Stadt plötzlich kalt und feindselig um ihn herum zu erheben ... Er entsann sich mit einemmal der schwindenden Aufmerksamkeit in den Stimmen der Leute und sogar mancher Situation, in der er möglicherweise geschnitten worden war und geglaubt hatte, man habe ihn nicht gesehen. Angenommen die Stadt verdächtigte ihn!" Möglicherweise ...? Angenommen ...? Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob Aarons Ängste berechtigt sind oder nur als Einbildung in seinem Inneren hausen. Bewußt wird diese Entscheidung offengelassen.

Die Quintessenz der 14 Erzählungen liegt in der Darstellung der Innenansichten von Menschen, die Schritt für Schritt in eine Welt geraten, wo zum Beispiel der Untergang unausweichlich erscheint. Die Gefahr für uns alle kommt dabei nicht von außen, sondern liegt in unserer Psyche verankert. Alle Erzählungen sind von Highsmiths großer psychologischen Wahrnehmungsfähigkeit geprägt. Diese "Seelenporträts" sind teilweise von einer starken Einprägsamkeit, selbst wenn sie stilistisch noch nicht ganz ausgereift sind. "Die stille Mitte der Welt" ist nicht nur für Patricia Highsmith-Fans eine wunderbare Lektüre!

svd
20.04.2002

 
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Das Buch:

Patricia Highsmith: Die stille Mitte der Welt. Stories

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Zrich: Diogenes Verlag 2002
400 S., 21,90
ISBN: 3-257-06429-2

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