Krimis & Thriller

Unter der Sonne Venedigs

Danke, Donna Leon! Danke dafür, dass Sie Ihren Lesern bereits zu Beginn eines jeden Sommers ein Stück Italien schenken und damit die Vorfreude auf den bevorstehenden Sommerurlaub wecken! Selten hat ein Roman um Commissario Guido Brunetti so sehr die Sehnsüchte nach Sommer und Hitze angeregt wie der vorliegende neunzehnte Roman der Reihe mit dem deutschen Titel "Auf Treu und Glauben". Es ist Hochsommer in Venedig und so heiß, dass die täglichen Aktivitäten zur Qual werden. Selbst die Langfinger in der Lagunenstadt scheinen eine Pause eingelegt zu haben.

Der sympathische Protagonist der Serie befindet sich in den letzten Arbeitstagen vor dem geplanten Südtirol-Urlaub mit seiner Familie. Glücklicherweise wird dieses Vorurlaubsgeplänkel von keinen dringenden offiziellen Ermittlungen gestört. Es gilt stattdessen, lediglich ein paar Spuren zu verfolgen, vorrangig aus eigenem Antrieb heraus, aber dennoch relativ lose und wenig verbindlich. Da wäre zum einen sein niedergeschlagener Kollege Vianello, dessen Tante einem spirituellen Scharlatan aufgesessen zu sein scheint, dem sie peu à peu das Familienerbe in den Rachen wirft. Des Weiteren werden Brunetti Informationen zugetragen, die von einer vorsätzlichen Verschleppung von Gerichtsverfahren durch eine bekannte venezianische Richterin berichten. Ein bekannter Unternehmer und ein eigentlich aufrichtiger Gerichtsdiener scheinen ebenfalls in die Sache verwickelt zu sein.

Alles in allem liegt aber nichts Dringendes auf dem Schreibtisch und in den Gassen Venedigs, das Brunetti und seine Frau Paola davon abhalten könnte, sich aufs intensivste Gedanken darüber zu machen, welche Bücher als Urlaubslektüre Platz im Koffer finden sollen. Im vorliegenden Fall nehmen diese Überlegungen sogar mehr Platz ein als das für gewöhnlich arg strapazierte Thema "Essen und Trinken". Doch hat man schließlich bei solch hohen Außentemperaturen kaum Appetit auf ein mehrgängiges Menü oder Durst auf alkoholische Getränke. So begibt sich die Familie Brunetti auf die Zugreise nach Südtirol, wo man sich mildere Temperaturen erhofft.

Bei der Einfahrt in den Bahnhof von Bozen erreicht Brunetti der Anruf einer Kollegin, die ihm mitteilt, dass Araldo Fontana, eben jener in die Ungereimtheiten verwickelte Gerichtsdiener, vor seinem Haus ermordet worden ist. Brunetti steigt direkt in den nächsten Zug zurück nach Venedig, und plötzlich kommt Dynamik in den bis dato leise vor sich hin plätschernden neunzehnten Fall des Guido Brunetti, obgleich es garantiert keinen Leser gestört hat, dass sich die Ereignisse nicht überschlagen haben. Dies wiederum illustriert das Phänomen der Donna Leon, die Jahr für Jahr einen Krimi-Bestseller nach dem anderen abliefert, der nahezu ausschließlich mit leisen Tönen operiert. Vielleicht kann man sich bezüglich der Einordnung in ein Genre darauf einigen, dass es sich bei den Brunetti-Romanen gar nicht um einen Krimi im originären Sinne handelt, sondern um einen Gesellschaftsroman mit integrierter Krimihandlung.

Dennoch hat die Fangemeinde Donna Leons in den vergangenen Jahren einige Schwankungen in der Qualität hinnehmen müssen, wobei man sich wiederum uneins darüber ist, welche Romane denn tatsächlich die Schwachstellen in der Reihe markieren. Garantiert wird man sich aber zu großen Teilen darüber einig sein, dass "Auf Treu und Glauben" zu den Highlights der Reihe zählt. Zwei flüssige und runde Erzählstränge werden von einer Atmosphäre der Hitze getragen, deren Darstellung Donna Leon brillant gelungen ist und deren Unmenschlichkeit gekonnt ins Heim des Lesers transportiert wird. Der Leser sieht praktisch das Flirren der Hitze auf dem Asphalt vor sich und kann die Leiden der Angestellten in der Questura nachvollziehen, die dort ohne funktionierende Klimaanlage ihren Dienst versehen müssen.

"Auf Treu und Glauben" entgleist dennoch nicht aus der in den vergangenen zwei Jahrzehnten gelegten Erfolgsspur, da mit Korruption, Lügen und Hinterhältigkeit erneut die typischen Zutaten eines Brunetti-Romans vorhanden sind. Ebenso sieht sich der Commissario auch dieses Mal außerstande, die tiefliegenden Probleme der italienischen Gesellschaft zu lösen, doch wird er morgens stets respektvoll in den Spiegel schauen können, ganz anders als manche Politgröße des Landes. Für das kommende Jahr steht ein kleines Jubiläum an, doch was ist für Fall Numero 20 zu erwarten? Ist etwa nach dem äußerst gelungenen Fall in diesem Jahr ein Ausreißer nach unten zu befürchten? Donna Leon wird sich garantiert ihrer Verantwortung bewusst sein und die hohe Erwartungshaltung ihrer Leserschar zum wiederholten Male übertreffen.

Christoph Mahnel
04.07.2011

 
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Das Buch:

Donna Leon: Auf Treu und Glauben. Commissario Brunettis neunzehnter Fall. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

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Zrich: Diogenes Verlag 2011
315 S., 22,90
ISBN: 978-3-257-06776-7

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