Krimis & Thriller

Die wahre Bedeutung von "Stirb langsam"

Eins ist Larry klar: Wenn er gewusst hätte, was gut für ihn ist, wäre er der Einladung seiner Kollegen Darryl und Yul an jenem schicksalhaften Tag niemals gefolgt. Mit ihnen dem Striplokal "Odessa" einen Besuch abzustatten, kam ihm wie ein guter Plan vor, um sich nach einer anstrengenden Schicht als Lagerarbeiter etwas Entspannung zu gönnen. Sich dermaßen unsterblich in die genauso unnahbare wie schöne Stripperin Sondra zu verlieben, kam in seiner Planung für den Abend jedoch nicht vor. Selbstverständlich wäre ihm ein Objekt der Begierde lieber gewesen, für das er sich nicht in ein Striplokal begeben muss, um ihm nahe zu sein. Dennoch entscheidet er sich, über seinen Schatten zu springen, denn im Gegensatz zu Yul hat er keine Freundin, deren Zorn er so auf sich ziehen könnte. Dass er nun jeden zweiten Abend im "Odessa" zu verbringen beginnt, ist so allenfalls seinen Ersparnissen abträglich.

Schwieriger wird die Angelegenheit allerdings, als Larry erfährt, dass sich der Club in der Hand der Russenmafia befindet. An einem Abend im "Odessa" warten alle auf Sondras großen Auftritt, doch sie erscheint nicht. Als Larry und Darryl enttäuscht den Weg nach Hause antreten wollen, entdeckt er Sondra völlig aufgelöst, wie sie sich unter seinem Wagen versteckt. Sie gibt ihnen zu verstehen, dass sie von den Mafiosi, denen das "Odessa" gehört, gejagt wird. Verliebt, wie Larry ist, willigt er ein, Sondra zu helfen - auch wenn dies bedeutet, dass auch sein Leben nun in Gefahr ist. Eins gibt Sondra ihm jedoch deutlich zu verstehen: Wenn Larry ihr wirklich helfen will, muss er den russischen Mafiaboss mit dem Spitznahmen Whitey töten. Doch dieser erweist sich als dermaßen hartnäckig, wie Larry es bisher allenfalls in Filmen wie "Terminator" oder "Freitag der 13." erlebt hat ...

Der neuste Streich des US-amerikanischen Autors Brian Keene beginnt durchaus trügerisch. Was zuerst wirkt wie ein zynischer und oftmals melancholischer Abgesang auf den "American Dream", steigert sich schnell zu einem furiosen Actionroman mit starken Fantasy-Elementen. Dass Keene hauptsächlich für Zombie-Romane bekannt ist, verwundert nicht, denn auch dieser Roman verbreitet schnell Endzeitstimmung. Doch statt einer Invasion der lebenden Toten geht die Bedrohung hier ausschließlich von Whitey aus, der sich als schlicht nicht totzukriegen erweist. Ob Keene mit dem Titel seines Romans provozieren möchte oder nicht, sei dahingestellt: Schließlich ist "Whitey" ein alles anderer als schmeichelhafter Begriff für weiße Amerikaner. Jedoch wird jeder Leser schnell bemerken, dass es hier nicht um Konflikte zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung Amerikas geht - vielmehr geht es für Larry und Sondra bald ums nackte Überleben.

Die Tatsache, dass schließlich actiongeladene Spannung die Handlung von "Kill Whitey" zu dominieren beginnt, ändert jedoch nichts an der durchaus starken sozialkritischen Komponente des Romans. Obwohl Larry geistreich und schlagfertig ist, hat er es nur zum Lagerarbeiter bei GPS gebracht und scheint über keine Ambitionen zu verfügen, sein fades Leben zu ändern. Was ihre Freizeitgestaltung betrifft, haben er und seine Freunde außer langen Sitzungen vor der Mattscheibe wenig mehr zu bieten. Und wohin die drei sich umblicken, sehen sie nur verkommene, verlassene Ruinen eines ehemals glanzvollen Amerikas, das seine Pracht jedoch vor langer Zeit eingebüßt hat.

Doch dass Larry recht bald ganz andere Sorgen plagen, verwundert nicht. Und dem Leser geht es ähnlich, denn er wird schnell erfahren, zu welch haarsträubenden Actionszenen Keene fähig ist. Bevor Larry weiß, wie ihm geschieht, entwickelt sich "Kill Whitey" zu einer Achterbahnfahrt des Grauens und man möchte ihn für sein Schlittern von Unglück zu Unglück regelrecht bedauern - wenn seine kolossale Pechsträhne nicht dermaßen unterhaltsam wäre, selbstverständlich. Ein turbulenter Zombie-Knüller mit Action- und Spannungsgarantie, der auch mit Tiefgang nicht geizt und der Fans des Genres wie Einsteiger gleichermaßen in morbide Verzückung versetzen wird. 

Johannes Schaack
13.12.2010

 
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Das Buch:

Brian Keene: Kill Whitey. Aus dem Amerikanischen von Michael Krug

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Kalsdorf: Otherworld Verlag 2010
85 S., 16,95
ISBN: 978-3-8000-9527-8

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