Krimis & Thriller

Dora und Rado: hart zu sich selbst

Dora und Rado sind Außenseiter bei der Kriminalpolizei in Reykjavik. Dora schleppt nach einem traumatischen Vorfall im Dienst eine körperliche Beeinträchtigung mit sich herum, die bisweilen auf ihre Psyche durchschlägt und merkwürdige Verhaltensweisen triggert. Rado war einst mit seinen Eltern aus Serbien nach Island ausgereist und hat es als Einwanderer bei der isländischen Polizei zwar weit gebracht, doch sind es seine familiären Verflechtungen, die ihm Sorgen und Schwierigkeiten bereiten. Neben seinem älteren Bruder, der der Familie von einem Tag auf den anderen den Rücken zugekehrt hat, ist es vor allem die Familie seiner aus Polen stammenden Ehefrau Ewa, die mit ihren Geschäften der organisierten Kleinkriminalität zuzuordnen ist. Dies führt bei Rado des Öfteren zu inneren Konflikten, weshalb er auch im Vorfeld einer Razzia gegen Ewas Vater und Bruder von seinen Kollegen und Vorgesetzten bewusst im Informationsschatten gehalten wird.

Nahezu zeitgleich zu besagter Razzia verschwindet im Thingvellir-Nationalpark ein Teenager spurlos. Da große Kapazitäten in der Razzia gebunden sind, werden Dora und Rado hierfür eingesetzt. Von einem Jungen, der eigentlich ein Mädchen sein möchte, fehlt außer einem Schuh und dem Handy jegliche Spur. Schwierige Verhältnisse im privaten Umfeld des Teenagers liefern nur wenig Ansatzpunkte für Ermittlungen. Dora und Rado drehen sich im Kreis, statt dessen wird Dora bei ihren Ermittlungen Opfer einer Gewalttat, die ihr einen Kampf um Leben und Tod abringt. Sämtliche Scherben liegen auf dem Boden: Rados zerbrochene Ehe, seine Schwiegerfamilie im Sumpf des Verbrechens, Dora auf der Intensivstation und ein nicht auffindbarer Teenager.

Dora und Rado sind die Protagonisten einer neuen Krimireihe aus Island, die es in sich hat und mit "Schmerz" ihr Debüt feiert. Hinter ihr steht mit Jón Atli Jónasson als Autor ein Mann, der weiß, wie rasante Krimis auszusehen haben. Als Drehbuchschreiber hatte er sich 2013 mit "The Deep" sogar schon an die Oscar-Verleihung herangepirscht, hierzulande steht er als Co-Autor hinter "Arctic Circle - Der unsichtbare Tod", einer Serie, die im ZDF für Furore sorgt und bereits mit drei Staffeln aufwarten kann. Nun lässt er mit Dora und Rado zwei ungleiche Protagonisten vom Stapel und schickt sie in rasante Fälle, in denen er sein oftmals nachgewiesenes Talent als Drehbuchautor für spannende und düstere Krimis zur Geltung kommen lässt.

"Schmerz" ist ein Island-Krimi in bester Nordmeer-Tradition: Nur wenig Geplänkel, keine langen Vorreden, sondern gleich zur Sache. Dies ist die Devise im vorliegenden Buch und verwundert einen kaum, wenn man die Vita des Autors kennt und weiß, dass ein Drehbuchautor nicht lange um den heißen Brei herumtanzen darf, will er seine Zuschauer nicht langweilen. In viele, kurze Kapitel ist das Buch, das sich leicht und locker an wenigen Abenden lesen lässt, eingeteilt. Zu Beginn wird dem Leser ein Anfangsaufwand aufgebürdet, sich viele isländische Namen merken zu müssen, insbesondere da die mit einigen isländischen Buchstaben versehenen Namen nicht sofort leicht eingänglich sind. Hat man die vielen Charaktere sortiert und die verwandtschaftlichen Beziehungen für sich strukturiert, steht dem Lesespaß nichts mehr im Wege.

Mit der Ankündigung, dass Jón Atli Jónasson bereits nachgelegt hat und mit "Gift" ein weiterer Fall aus der Reihe um Dora und Rado vor der Tür steht, lässt sich der Abschluss dieser Lektüre auch gut verschmerzen. Voraussichtlich schon in diesem Herbst soll "Gift" auf dem deutschen Büchermarkt erscheinen. Die Abgeschiedenheit Islands hoch droben im Nordmeer ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass sich isländische Kriminalfälle und die zugehörigen Bücher anders darstellen als diejenigen aus heimischen Regionen oder auch als die hierzulande hochgehandelten schwedischen Kriminalromane. Island kommt in der Regel nämlich extrem düster und im vorliegenden Fall sehr "noir" rüber. Alkoholismus und Drogen sind Dauerthemen, auch die Nüchternheit handelnder Charaktere tritt immer wieder deutlich zutage. Insofern verwundert es nicht, dass isländische Krimis und nun auch Jón Atli Jónassons Reihe um Dora und Rado sich in Deutschland allergrößter Beliebtheit erfreuen.

Christoph Mahnel 
24.02.2025

 

Das Buch:

Jón Atli Jónasson: Schmerz. Aus dem Isländischen von Freyja Melsted

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Frankfurt am Main: Scherz Verlag 2025 352 S., € 18,00 ISBN: 978-3-651-00134-3

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