Krimis & Thriller

Rasanter Thriller eines Literaten

Der Pariser Kommissar Camille Verhoeven erlebt einen Tag des absoluten Grauens. Erst muss er auf einer Beerdigung einen seiner besten Freunde zu Grabe tragen, dann gerät nahezu zeitgleich seine Freundin Anne auf den Champs-Élysées völlig zufällig in einen bewaffneten Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Auf dem Weg zu den Toiletten beobachtet sie die Männer, die zu jeglicher Brutalität bereit scheinen, beim Überziehen ihrer Masken und wird damit zur gefährlichen Zeugin. Ein Fluchtversuch Annes scheitert, die Täter versuchen, ihre größte Gefahr aus dem Weg zu räumen, doch misslingt ihnen ihr Vorhaben. Anne überlebt schwerverletzt, der gesamte Überfall ist auf Videoaufzeichnungen dokumentiert und die Durchsicht dieses Materials wird für Camille zum Martyrium.

Bereits seine erste Frau hat Verhoeven durch einen schrecklichen Mord verloren, einen zweiten Vorfall dieser Art übersteigt selbst das Vermögen dieses toughen Polizisten. Anne ringt auf der Intensivstation mit dem Tod, währenddessen schleicht ein Killer um das Krankenhaus, besessen von dem Gedanken, diese belastende Zeugin aus dem Weg zu räumen. Camille ignoriert seine persönliche Befangenheit in diesem Fall, er ist fest entschlossen, die Männer dingfest zu machen, die Anne diese Schmerzen und Wunden zugefügt haben. Was folgt, ist ein undurchsichtiges Verwirrspiel, bei dem sich niemand sicher sein kann, ob er dieses tot oder lebendig beenden wird. Ein schonungsloser Killer gegen den verbissensten Mann der Pariser Polizei, es ist ein Duell, bei dem sich die beiden Kontrahenten nicht schonen und mit allen Wassern gewaschen versuchen, den anderen um die Ecke zu bringen.

Der französische Autor Pierre Lemaitre hat vor vier Jahren mit seinem Roman "Wir sehen uns dort oben" bzw. dem im Jahr zuvor erschienenen französischen Original "Au revoir là-haut" Weltruhm erlangt. Mit der Geschichte über zwei Veteranen des Ersten Weltkriegs, die das Leben schelmenhaft trotz der erlittenen inneren und äußeren Verletzungen meistern, hat Lemaitre den Prix Goncourt 2013 gewonnen, den bedeutendsten französischen Literaturpreis. Im vergangenen Jahr legte er dann mit "Drei Tage und ein Leben" das erste Buch nach seinem großen Durchbruch nach und überzeugte erneut mit einer intensiven Geschichte über den Mord eines Kindes an einem Kind. In seinem Leben vor "Wir sehen uns dort oben" hatte Lemaitre vor allem Thriller geschrieben, insgesamt vier Stück mit Camille Verhœven, besagtem Pariser Polizisten, der im vorliegenden Roman "Opfer" um das Leben seiner Freundin Anne bangt und sie vor weiterem Schmerz bewahren möchte.

Na klar, wird man als Kenner der Buchszene sagen: Da hat ein Autor einen Welthit gelandet, und was geschieht, wenn er fortan nicht im Halbjahrestakt einen Bestseller nach dem anderen vom Stapel lässt? Man wird natürlich in seinen Archiven stöbern und frühe Werke des Autors ausgraben, um damit Kohle zu machen. Man kennt dies beispielsweise von Simon Beckett, dem Autor der Forensik-Romane um David Hunter, dessen frühe Werke bei weitem nicht mit seiner Erfolgsreihe mithalten konnten. Doch Lemaitre scheint ein Chamäleon unter den Schriftstellern zu sein, der sehr gut verschiedene Genres bedienen kann. Wer von einem Literaten wie ihm einen Standard-Krimi erwartet, liegt gleich mal völlig daneben. "Opfer" hat zwar einen klaren zeitlichen Rahmen vorgegeben, die rund 330 Seiten sind in drei Tage und entsprechende Kapitel eingeteilt, während allen Unterkapiteln jeweils Uhrzeiten vorangestellt sind, wodurch Lemaitre zusätzliche Brisanz in die Handlung bringt. Doch alles andere, was man von Krimis kennt, wird man hier getrost über Bord werfen können.

Lemaitre verwendet einen Erzählstil, an den man sich erstmal gewöhnen muss. Über allem thront ein allwissender Erzähler, der die Situation für den Leser zu Beginn gleich einmal in den Gesamtkontext einordnet, der den Leser auch mal direkt anspricht oder Handlungen humorvoll bis zynisch kommentiert. Schließlich wechselt Lemaitre aus heiterem Himmel die Erzählperspektiven, indem er den Täter aus der Ich-Perspektive berichten lässt. Alleine diese stilistischen Eskapaden machen "Opfer" zu einem lesenswerten Buch, während der Fall an sich mit den Ereignissen auf den Champs-Élysées rasant beginnt, sich danach im Mittelteil eine Auszeit nimmt, bevor die Spannung zum Ende hin wieder mächtig anzieht und einem ein Weglegen des Buches nicht mehr verzeiht. Die Skepsis ob einer kommerziellen Verwertung des Archivs eines erfolgreichen Schriftstellers wird rasch weichen. Nach dem Lesevergnügen wird man gar hoffen, dass weitere Frühwerke Lemaitres ins Deutsche übersetzt und verlegt werden.

Christoph Mahnel
03.09.2018

 
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Das Buch:

Pierre Lemaitre: Opfer. Aus dem Franzsischen von Tobias Scheffel

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Stuttgart: Tropen Verlag 2018
336 S., 14,95
ISBN: 978-3-608-50370-8

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