Gedichtbnde

Am Fluss des Seins

Der Titel des Buches erinnert an Heraklits "Alles fließt" und passt gut zu den 71 dargebotenen Gedichten, die den ganzen "mainstream" der menschlichen Komödie/Tragödie umfassen. Die Gedichte sind meist paar- oder kreuzgereimt. Ein kleinerer Teil ist ungereimt, die meisten sind mit Titel, einige ohne.

Der Autor beginnt mit einem kleinen Sprachkunstwerk, das Ernst Jandl nicht hätte besser machen können:

Wer das liest
und verwirrt wird,
sich irrt,
dann wirr wird,
irr wird,
irr irrt,
wirr irrt,
der irrt verwirrt.

Der Duktus des Autors ist natürlich, gut verständlich und zum Teil sehr kunstvoll und sensibel. Die "underdogs" haben es ihm besonders angetan, fast vermutet man sein eigenes Schicksal dahinter. Seine Poesie reicht von der Gosse bis zur alles verzehrenden Liebe.

Im "Monolog eines Flaschensammlers" konstatiert er das trostlose Dasein eines
flaschensammelnden Arbeitslosen:

Die andern sehen nur zu erstaunt
wenn in jeden Müll ich krauche
ich höre wie man über mich raunt
wo ich jeden Cent doch brauche.
Da ist wieder eine Flasche
rein damit in meine Tasche.
etc.

An anderer Stelle ("Soll das alles sein") wehrt er sich gegen den allgegenwärtigen Konformismus:

Stets die Gehwege benutzen,
Fensterscheiben gründlich putzen,
eingeschränkt und billig wohnend,
leise beim Sex und umweltschonend.
Soll das alles sein, wonach ich strebe?
Soll das alles sein, wozu ich lebe?
etc.

Sein Prosagedicht "Abends" erinnert an die ungereimten, wunderbar rhythmischen Prosagedichte des bekannten bayerischen Lyrikers Albert Ostermaier:

Abends, wenn ich allein im Bett liege, erinnere ich mich an dein Gesicht, an dein Haar, das im Schatten der Kerze aufleuchtet und zum Streicheln verlockt, an deine Augen, die fröhlich leuchten und glücklich zu mir herübersehen, etc.

Angenehm ehrlich ist sein "Shortcut"-Gedicht "Beim Betrachten eines Kunstwerkes von …":

Ah!
Ja.
Na na.
Aha!
Na ja.

Wie oft geht es uns ebenso!

Kürzlich berichtete ein große, deutsches Magazin über die bisher fast unbekannte "Gefühls- und Gedankenwelt" der Pflanzen. Wie aktuell ist dazu das Gedicht "Gedanken einer Blume"!

Natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz, so zum Beispiel in den sehnsuchtsvollen Gedichten "Im Mohn" und "Ich sehne mich …". Lothar Ruhlig beherrscht die gesamte Klaviatur der menschlichen Erlebniswelt!

Insgesamt gesehen ist dieses Buch sehr empfehlenswert, weil es dem Leser das oft geistlose und unverständliche Geschwafel moderner Lyriker erspart. Bei Lothar Ruhlig weiß man, was man hat und liest!

Manfred Enderle
24.11.2014

 
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Das Buch:

Lothar Ruhlig: Am Fluss des Seins

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Frankfurt: Frankfurter Literaturverlag 2014
79 S., 11,80
ISBN 978-3-8372-1495-6

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