Gedichtbnde

Posthume Ehren

Genau 50 Jahre ist es her, dass sich Sylvia Plath, Tochter eines deutschstämmigen Biologieprofessors und Ehefrau des englischen Schriftstellers Ted Hughes, 1963 in ihrer Wohnung in London das Leben nahm, während ihre beiden Kinder nebenan schliefen. Mit ihren 30 Jahren hatte sie bis dato gerade einmal eine Gedichtsammlung ("Der Koloss") und einen Roman ("Die Glasglocke") veröffentlicht. Auch wenn diese Werke bereits zu ihren Lebzeiten in den Feuilletons Erwähnung fanden, so erlangte Sylvia Plath doch erst posthum - z.B. mit dem Pulitzer-Preis für ihr gesamtes lyrisches Werk - die Ehre und den Bekanntheitsgrad, den sie heute in der literarischen Welt genießt.

Zeitlebens hatte die US-amerikanische Schriftstellerin mit psychischen Problemen zu kämpfen und befand sich immer wieder auch in psychiatrischer Behandlung, u.a. wegen einer bipolaren Störung. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass ihre Prosa und ihre Lyrik, die häufig autobiographisch waren, von Themen wie Suizid und Depression durchzogen sind. Aber auch der frühe Tod ihres Vaters, die Beziehung zu ihrem Ehemann und die gesellschaftlichen Zwänge für eine Frau ihrer Zeit sind zentrale Themen ihrer Gedichte und Kurzgeschichten.

Plaths einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichtsammlung "Der Koloss" ist nun erstmals auf Deutsch erschienen. Wer sich auch für die englischen Originale, die von Judith Zander ins Deutsche übertragen wurden, interessiert, kann sich über die Zweisprachigkeit dieser Ausgabe freuen. Im titelgebenden Gedicht "Der Koloss" tritt ihr Vater als kolossähnliche Statue auf, die ihr als Schutz dient: "Nachts kauere ich im Füllhorn / Deines linken Ohrs, geschützt vorm Wind." Wie in "Der Koloss" sind antike Mythen und eine archaische Sprache Merkmale der frühen Gedichte Plaths. In der posthum von ihrem Mann veröffentlichten Sammlung "Ariel" hatte sie sich bereits größtenteils von den akademischen und metrischen Zwängen, teils ihrer Vorbilder Auden und Yeats geschuldet, befreit.

Genaue Beobachtungsgabe und geschärfte Sinne beweist Sylvia Plath in ihrem Gedicht "Das Augenstäbchen". Was zunächst als Beobachtung von Pferden auf einer Weide beginnt, ändert komplett die Richtung, als dem Beobachtenden, dem Sehenden ein Splitter ins Auge fliegt. So wie das Eindringen ins Auge die Sichtweise und den Fokus des Sehenden verändert, so ändert sich auch der Fokus des Gedichts. Es geht nicht länger um das, was man sieht, sondern wie und unter welchen Umständen man etwas sieht.

Auch wenn Sylvia Plath den meisten als Autorin von "Die Glasglocke" und damit als Romanautorin bekannt ist, ist es doch die Lyrik, die ihr Hauptwerk ausmacht - sowohl mengenmäßig als auch von der Bedeutung her. Die Sammlung "Der Koloss" zeigt mit ihren 50 Gedichten nur einen kleinen Teil des lyrischen Werks der US-Amerikanerin. Doch werden ihre Gedichte nicht umsonst als "Confessional Poetry", also als Bekenntnislyrik, bezeichnet. Denn vertieft man sich in diese Gedichte, kommt man auch Plaths inneren Abgründen und ihrer außergewöhnlichen Biographie etwas näher. Man muss sich nicht nur auf ihre Tagebücher, die ebenfalls posthum veröffentlicht wurden, verlassen, sondern findet auch in ihrer Lyrik autobiographische Bekenntnisse.

Mit "Der Koloss" ist nun endlich ein bedeutendes Werk des schmalen, aber umso gewaltigeren Oeuvres einer Künstlerin erschienen, die trotz oder gerade aufgrund ihres kurzen Lebens und dessen tragischen Endes einen festen Platz in der US-amerikanischen und internationalen Literaturgeschichte hat. Für deutsche Plath-Fans bedeutet diese Veröffentlichung nicht zuletzt wegen der sorgfältigen und gelungenen Übersetzung eine lang fällige Vervollständigung der eigenen Sammlung.

Sabine Mahnel
02.09.2013

 
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Das Buch:

Sylvia Plath: Der Koloss. Gedichte. Aus dem Englischen von Judith Zander

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2013
167 S., 22,95
ISBN: 978-3-518-42380-6

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