Erzhlbnde & Kurzprosa

Erzhlen knnen - staunen drfen

Es ist zuerst das Narrative, was einem auffällt an "Ein Album voller Kurzgeschichten". Da will einer erzählen, und er kann es auch. Und er tut es auf eine gewisse sanfte, aber schräge Art. Autor Boris Scavezzon beginnt seine Geschichten meistens auf einer völlig unauffälligen Ebene, überkurvt dann aber und überlässt es dem Leser, sich in seinen wunderlichen Abläufen zurechtzufinden. 

Man könne seine Ängste und Wünsche, Freuden und Leiden herauslesen - aber man müsse es nicht. Das Zwanglose ist es, was einen freut, wenn man die Geschichten liest. "Das Spiel mit Spiel", Einstiegsstück auf dem einfachen Teppich des Wohnzimmers, ist ein Beispiel dafür, dass die Fantasie der logischen Realität einen Streich spielt, vieles hineinprojiziert ist. Noch ehe man es sich versieht, hat einen die Skurrilität erwischt. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so behutsam ansetzt, wirkt sie so stark. Ein Junge spielt den Forscher im Urwald und hüpft von Sessel zu Sessel, um nicht im Sumpf zu versinken - bis das Krokodil aufspringt. Springt es eigentlich die Hauptfigur an oder packt es den Leser? 

Es folgen Kurzgeschichten über Schule und Studium, wobei die Schweiz eine besondere Rolle spielt. Es tritt Lara auf. Es sind Lebenssequenzen, frei gereiht, mit ein bisschen Münchhausen, einer Prise Eugenspiegel. In einem Weinfass kommt es zum sinnlichen Liebesabenteuer, nach welchem die Frau den Helden im Fass einsperrt, wo er ersäuft. In diesem Buch wird auch verbotenerweise Heimliches gefilmt. Es wird geschummelt, bis ein Esel in die falsche Richtung trabt und einer deswegen stirbt. Es lockt der US-amerikanische Highway, der geheimnisvolle Jack Miller, am Ende gar der Außerirdische. 

Interessant sind zwei Stellen, an denen der Autor sich zur Meta-Ebene aufschwingt. Zuerst lädt er die Leser dieser Zeilen zu einem Familienbesuch ein. Dann - beim Außerirdischen - verlässt Scavezzon die Erzählebene erneut, mittendrin: "Ich weiß, die Kurzgeschichte ist ausbaufähig - so könnte man einen heroischen Kampf der letzten Menschen schildern ..." 

Dies alles macht aus dem unbekümmert geschriebenen Buch etwas Amüsantes und Überraschendes. Genießen werden es vor allem jene, die sich verleiten und überrumpeln lassen, weil sie noch staunen können. Niemand muss als Leser etwas wissen, selbst von Systemrelevanz muss kein Mensch etwas verstehen, um die dazugehörige Geschichte begreifen zu können. Und begreifen wird jener, der die Logik beiseitelässt, blindes Vertrauen zum Erzähler hat und nicht alles hinterfragt. 

Der Autor möchte mit diesen Kurzgeschichten unterhalten. Falls den Lesern eigene Fragen dazu einfallen, die sie für wichtig genug empfinden, um darüber nachzudenken, dann werden sie dies tun. 

Ronald Roggen 
16.05.2011 

Eine Lesung aus dem Buch finden Sie hier:
http://autoren-tv.de/vorschaltseiten/scavezzon_intro.html 

 
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Das Buch:

Boris Scavezzon: Ein Album voller Kurzgeschichten

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2010
89 S., 9,80
ISBN: 978-3-8372-0753-8

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