Erzhlbnde & Kurzprosa

Guck mal wer da spricht - Ali Smith!

Für gewöhnlich erfordert die Auseinandersetzung mit anderen Menschen, dass man die eigene Selbstwahrnehmung, das Selbst-Verständnis auch zum Ausdruck bringen kann. Im neuesten Buch der schottischen Autorin Ali Smith "Die erste Person" kommt dieses "Wissen-über-sich-selbst" der Erzählerpersonen gut zum Vorschein. Obwohl sich diese allesamt in gewöhnlichen Situationen befinden, schafft es Ali Smith mit viel Humor, subtilen Anmerkungen und einem scharfen Blick für`s Zwischenmenschliche die Geschichten des Alltags ganz und gar nicht alltäglich wirken zu lassen.

Die facettenreichen Erzählungen arbeiten hin auf die eine, die Titelgeschichte "Die erste Person", gleichzeitig die letzte im Buch. Sie nehmen dabei Umwege über Geschichten von Kneipenbekanntschaften, die nie gemacht wurden, ein im Einkaufswagen gefundenes Baby, ein Kino mit Notausgang, der aber gar keiner ist, einen Streit über Beethovens "Fidelio" oder ein Treffen mit dem eigenen 14-jährigen Ich. Das Aufflackern des Irrealen, die grenzenlose Phantasie der Erzähler belebt die Geschichten und verleiht ihnen den nötigen Witz.

Mit einer unzähmbaren Redelust nimmt die Autorin die Grammatik beim Wort. Mit Leidenschaft vollzieht sie eine Reflexion von Reden und Schreiben. Ganz genau geht sie der Sprache auf den Grund und denkt in ihrem neuesten Werk schreibend über die Seele der Kurzgeschichte nach - "Und das bloß mit ein paar Wörtern, die man zusammen hinschreibt, die Wörter machen das alles von allein, richtig gut". Dabei ist Ali Smith ganz in ihrem Element und auf der Höhe ihrer Kunst. Eine zufällig im Café aufgeschnappte Bemerkung über den Unterschied zwischen Kurzgeschichte und Roman bringt den Stein ins rollen. "Kurzgeschichten wollen lang sein"- So beginnt eine, die dann aber doch nicht lang ist, in der aber viele Geschichten stecken. Umstandslos führt eine Geschichte zur nächsten. Was sie alle eint? Die dritte Person - "Die dritte Person ist ein weiteres Augenpaar. Die dritte Person ist eine Vorahnung von Gott. Die dritte Person ist eine Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen." 

Ali Smith, 1962 in Inverness in Schottland geboren, lebt mit ihrer Partnerin in Cambridge, lässt sich aber weder in diese noch in die Short-Story Schublade stecken. Ihre Romane wurden mehrfach für den Booker Prize nominiert. Auf Deutsch erschienen bisher "Die Zufällige" und der großartige Reigen "Im Hotel". Auch mit "Die erste Person" liefert Ali Smith zwölf Kurzgeschichten für ein abwechlsungsreiches Lesevergnügen!

Mareike Palmy
23.11.2009

 
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Das Buch:

Ali Smith: Die erste Person

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2009
176 S., 17,95
ISBN: 978-3-630-87310-7

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