Erzählbände & Kurzprosa

Stimmige und zeitgemäße Neuinterpretation von Captain Future

Captain Future dürften viele nicht aus den Pulp-Geschichten von Edmond Hamilton kennen, die ab 1940 erschienen, sondern aus der japanischen Anime-Serie, welche Ende der 1970er entstand. 1980 schaffte es diese auch ins deutsche Fernsehen - wenngleich gekürzt und dadurch manchmal entstellt. Der Erfolg sorgte dafür, dass in Deutschland bald auch Comics erschienen. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass deren Qualitätsniveau kein Maßstab für die neue Graphic Novel "Captain Future: Der ewige Herrscher" ist, die kürzlich bei Carlsen Comics erschienen ist.

Es ist etwas faul auf dem Planeten Megara. Das liegt nicht nur daran, dass hier der Ursprung einer Seuche zu sein scheint, wegen der sich Menschen auf rätselhafte Art und Weise zurückentwickeln. Es treibt auch ein geheimnisvoller Herrscher sein Unwesen. Dieser scheint über besondere Kräfte zu verfügen und einen unheimlichen Einfluss auf die Bewohner des Megara zu haben. Captain Future soll die Rätsel aufklären und eine Eskalation verhindern.

Fans von Captain Future dürfte dieser kurze Handlungsabriss ziemlich bekannt vorkommen. Tatsächlich handelt es sich dabei um die Folge "Der Herrscher von Megara", welche die ersten vier Teile der ursprünglichen Zeichentrickserie umfasste. Hat Autor Sylvain Runberg - der durch Adaptionen von "Conan" oder "Millenium" bekannt geworden ist - also etwa nur die erste Episode der Zeichentrickserie in neue Bilder gekleidet? Mitnichten. Denn der Franzose beginnt sein Werk nicht nur mit der Vorgeschichte von Captain Future, die in der Anime-Serie nicht explizit Berücksichtigung fand. Er variiert auch die Handlung der Hauptgeschichte, kreiert Nebenhandlungsstränge, setzt teilweise andere Schwerpunkte und modifiziert zudem einige der Figuren.

Kurzum: Sylvain Runberg folgt nicht sklavisch der Vorlage, sondern interpretiert diese und überführt sie in die Gegenwart. Dementsprechend ist hier etwa von "Fake News" oder dem "Darknet" zu lesen. Die meisten der Modifikationen sind stimmig und sorgen für ein Gesamtergebnis, das insgesamt überzeugender wirkt. Ein Beispiel dafür ist die Figur von Joan Landor. Die war in der Ursprungsserie für damalige Verhältnisse zwar durchaus modern gestaltet - als selbstbewusste Frau, die (meistens) selbst auf sich aufpassen kann. Doch ihre Schwärmerei für den Captain hätte wahrscheinlich heute für Augenrollen gesorgt. In der Graphic Novel ist von einem unkritischen Anhimmeln nichts mehr zu merken. Der "Social Media"-Star Future muss vielmehr erst durch Taten überzeugen. Nur ausgemachte Puristen könnten sich an dieser und anderen Modifikationen stören.

Einen ganz ähnlichen Weg geht auch Zeichner Alexis Tallone. Seine Illustrationen orientieren sich zwar an den ikonischen Charakterdesigns. Gleichzeitig setzt der Künstler auch ganz eigene Akzente. So lässt er etwa Weltraumpolizist Ezella Garnie durch eine Narbe im Gesicht düsterer erscheinen und sorgt dafür, dass der Android Otto fremdartiger wirkt. Während der Franzose das - schon damals gelungene - Design des Herrschers von Megara weitgehend übernimmt, wirkt seine Neugestaltung der Ureinwohner des Planeten überzeugender und weniger eintönig als in der Vorlage. Generell zeichnen sich seine Illustrationen durch ein hohes Niveau aus. An einigen Stellen hätten aber die Hintergründe ausgefeilter sein dürfen. Auch die Mimik der Hauptfigur wirkt in manchen Panels nicht ganz realistisch und der XL-Haarschopf von Ken Scott mutet etwas merkwürdig an. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Denn von der recht simplen Optik der in den 1980ern erschienenen Comic-Serie ist dieses Werk weit entfernt.

Die Graphic Novel "Captain Future: Der ewige Herrscher" sorgt mit einer spannenden und stimmigen Neuinterpretation für frischen Wind im Franchise und hat das Zeug, alte und neue Fans gleichermaßen zu überzeugen.

Ingo Gatzer 
26.05.2025

 

Das Buch:

Sylvain Runberg: Captain Future - Der ewige Herrscher. Mit Illustrationen von Alexis Tallone. Aus dem Französischen von Marcel Le Comte

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Hamburg: Carlsen Verlag 2025 168 S., € 28,00 ISBN: 978-3-551-80338-2

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