Erzählbände & Kurzprosa
Isnogud - ist immer noch gut
René Goscinny ist heute vor allem als Schöpfer von "Asterix" bekannt. Doch der legendäre französische Comicautor kreierte zahlreiche weitere Klassiker. Zu diesen zählt auch "Die Abenteuer des Kalifen Harun al Pussah". Wer von dieser ab 1962 erschienenen Reihe noch nichts gehört hat, dürfte vielleicht etwas mit "Isnogud" anfangen können. Unter diesem Titel erlangte die Serie, für die Goscinny Jean Tabery als Zeichner gewann, nämlich weltweit Berühmtheit. Carlsen Comics hat nun unter dem Titel "Isnogud Collection. Die Goscinny- und Tabary-Jahre 1962-1978" einen fetten Sammelband mit den ersten Geschichten herausgebracht.
Isnogud war im Jahr 1962 eine mehr als unwahrscheinliche Hauptfigur. Denn der Großwesir, der bekanntlich Kalif anstelle des Kalifen werden möchte, ist intrigant, bösartig und befindet sich am Ende stets auf der Verliererseite. Doch bis heute sind seine Versuche, auf den Kalifenthron zu gelangen und die Absurditäten, an denen er scheitert, urkomisch. Auch wenn der Großwesir seine Gegner pfählen möchte, ist die Figur letztlich die Karikatur eines Schurken, sodass sich auch dessen finsterste Pläne bei der Lektüre schließlich in befreiendes Lachen auflösen. Dazu gibt es eine gute Portion Wortwitz, der sich nicht nur in den Namen der Figuren manifestiert und auch mal selbstbewusst kalauert.
Gleichzeitig gibt es eine Prise Anarchie sowie postmoderne Kunst und Künstlichkeit. Das ist nicht nur der Fall, wenn Autor, Zeichner oder Leser plötzlich selbst als Figuren im Comic auftauchen. Auch Isnogud droht schon einmal seinen Schöpfern, wenn er mit deren Vorgehen unzufrieden ist. Daraus entstehen aberwitzige Situationen und Gags, die auch heute - und damit Jahrzehnte, nachdem Goscinny diese erdacht hat - noch zünden.
Auch optisch kann sich der Comic dank der Arbeit von Jean Tabery immer noch sehen lassen. Dafür sorgt vor allem die Gestaltung von Isnogud. Tabery gelingt es, die wechselnden Emotionen seiner Hauptfigur - von Wut über Resignation bis zur Verzweiflung - perfekt darzustellen. Dabei überzeichnet er die wechselnden Gefühlswelten des umtriebigen Großwesirs bewusst und kontrastiert diese mit der Lethargie des Kalifen. Aber auch die Umsetzung der anderen Figuren ist gelungen. In einigen Panels tauchen dann zudem augenzwinkernd Charaktere aus anderen bekannten Comic-Serien wie "Tim und Struppi" auf.
Ein besonderes Lob verdient auch der Band selbst. Der ist gebunden, großformatig, ein echtes Schwergewicht und toll aufgemacht. Enthalten sind neben den Geschichten aus den ersten 16 Isnogud-Jahren auch zahlreiche erläuternde Texte und Bilder. Frankophile kommen dabei unter anderem in den Genuss einiger Originalpanels und -texte, die Goscinnys Wortwitz verdeutlichen.
An einigen Stellen haben die Macher des Bandes das Augenmerk jedoch vielleicht etwas zu sehr auf die historische Authentizität gelegt. So enthält "Isnogud Collection. Die Goscinny- und Tabary-Jahre 1962-1978" auch Redundanzen. Das liegt daran, dass Goscinny und Tabery Geschichten wie "Der Zauberteppich" in überarbeiteter Form noch einmal veröffentlicht haben. Die beiden im Band enthaltenen Fassungen dieser Storys sind dann aber eher für Comic-Historiker als für den durchschnittlichen Fan interessant. Hier hätte der Abdruck der moderneren Fassung ausgereicht. Zudem sind die ersten Geschichten des Großwesirs nur teilweise und zunächst auch nur sehr blass koloriert. Hier hätten die Herausgeber gerne nacharbeiten (lassen) und dabei auf Authentizität verzichten dürfen.
Bei "Isnogud Collection. Die Goscinny- und Tabary-Jahre 1962-1978" handelt es sich um mehr als "nur" ein historisches Zeugnis eines erfolgreichen Comics. Der Band bietet für alte und neue Fans auch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung der Geschichten noch reichlich Lach- und Lesevergnügen.
Ingo Gatzer
22.04.2025
