Autobiographie

Wie ich als junge Frau meine Haare verlor

Renate Winterhalter ist Floristin und sehr engagiert in ihrem Beruf. Sie arbeitete in verschiedenen fremden Städten und sogar in der französischen Schweiz. Alles scheint perfekt. In den achtziger Jahren, sie ist Mitte zwanzig, trampt sie sechs Wochen durch die USA und verliebt sich in einen gleichaltrigen Kalifornier. Doch obwohl Jeff der Mann ihrer Träume ist, hat die junge Liebe keine Zukunft. Zu groß ist die Distanz zwischen Los Angeles und Bonn, wo Renate zu dieser Zeit lebt und arbeitet. Jeff besucht sie noch einmal in Deutschland, dann trennen sie sich für immer.

Kurz danach erkrankt Renate an kreisrundem Haarausfall. Sie hat einen regelrechten Ärztemarathon hinter sich, bevor die Diagnose feststeht. Doch alle Mittelchen, die man ihr verordnet, helfen nicht. Erst eine Homöopathin bringt die Ursache ans Tageslicht. Als Kleinkind war Renate eine Zeitlang von ihren Eltern getrennt und durchlebte große Trennungsängste, die erneut ausbrachen, als sie und Jeff auseinander gingen. Trotz dieser Erkenntnis blieb der Haarwuchs weiter aus, sodass Renate bis heute Perücken tragen muss.

Die Krankheit wirkte sich auch auf ihren Beruf aus. Obwohl sie gute Qualifikationen vorweisen konnte, fand sie mit Glatze, fehlenden Augenbrauen und Wimpern nur schwer eine Anstellung. Erst als sie sich als Floristin selbstständig machte, gewann sie wieder an Zuversicht und Vertrauen in sich selbst.

"Wie ich als junge Frau meine Haare verlor" beschreibt eindrucksvoll, wie eine Krankheit, obwohl sie nicht lebensbedrohlich ist, das Leben eines jungen Menschen trotzdem vollkommen verändern kann. Während sich andere junge Frauen beim Friseur die schönsten und außergewöhnlichsten Frisuren machen lassen, muss sich Renate Winterhalter mit zum Teil lieblos hergestellten Perücken begnügen. Von modischen Frisuren kann bei ihr nicht die Rede sein. Und nicht nur das: Sie wird auch oft von ihrer Umgebung wie eine Aussätzige behandelt und gemieden. Zum Haarverlust kommt daher noch Einsamkeit hinzu.

Doch Renate Winterhalter ist eine kämpferische Frau und lässt sich von ihrem Schicksal nicht unterjochen. Sie ergreift jede mögliche Gelegenheit, um ihre berufliche und gesundheitliche Lage zu verbessern. Und der Erfolg gibt ihr recht: Heute ist sie Eigentümerin eines Blumenladens in Süddeutschland. Perücken gehören mittlerweile zu ihrem Leben. In Berlin hat sie einen Laden gefunden, der modische Modelle verkauft.

"Wie ich als junge Frau meine Haare verlor" ist ein Buch für jedermann. Es macht Betroffenen Mut und verdeutlicht Nichtbetroffenen die seelischen Probleme von Menschen mit kreisrundem Haarausfall. Sie müssen erst einmal lernen, ihr neues Ich zu akzeptieren, und bedürfen jeglichem Beistand. Diese Menschen aufgrund ihrer Optik auszugrenzen, zumal Haarausfall nicht ansteckend ist, erhöht lediglich den Leidensdruck und verschlechtert somit wiederum die Chancen für einen Haarwuchs. Renate Winterhalter weiß, wovon sie spricht. Doch sie möchte kein Mitleid - nur Verständnis. Heute kann sie mit ihrer Krankheit souverän umgehen und bringt rückblickend auch Humor für die ein oder andere Situation auf.

Es lohnt sich durchaus, die Autobiographie zu lesen. Sie ist kurzweilig und informativ, zumal Renate Winterhalter auch ausführlich auf ihre Erlebnisse in den USA eingeht - quasi ein "Mini Reiseführer" für die US-Westküste und Hawaii-Inseln inklusive.

Hugo Meyer
15.07.2013


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Renate Winterhalter: Wie ich als junge Frau meine Haare verlor

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2013
42 S., 9,80
ISBN: 978-3-8372-1262-4

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