Autobiographie

Goldene Zwanziger?

Ein Jurist aus Altendiez an der Grenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz betrat die ganz große Showbühne des deutschen Fußballs just in dem Moment, als die Not scheinbar am ärgsten war. Die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft lagen anno 2004 entweder schon lange zurück oder waren höchstens noch durch glückliche Planetenkonstellationen wie beim Erreichen des WM-Finales in Japan und Südkorea 2002 möglich. Nach dem Offenbarungseid von Rudi Völlers Kickern bei der EM 2004 war zwei Jahre vor der Heim-WM und dem späteren Sommermärchen nicht nur der Trainerstuhl vakant, sondern auch der Posten des DFB-Präsidenten neu zu bekleiden. Besetzt wurde dieses Amt schließlich gleich doppelt: Neben den ungeliebten Gerhard Meyer-Vorfelder gesellte sich mit Theo Zwanziger ein Mann des Ausgleichs und Kompromisses.

Um Kampfabstimmungen im Vorfeld der WM 2006 zu vermeiden, teilte sich Theo Zwanziger das Amt des höchsten deutschen Fußballfunktionärs zwei Jahre lang mit dem mit allen Wassern gewaschenen CDU-Politiker aus dem Schwabenland. Schließlich sollte Zwanziger noch weitere sechs Jahre alleine dem größten Sportverband der Welt vorstehen. Er befindet sich damit in einer Reihe von einigen unsagbaren Funktionären, von denen einer neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch Führerreden auf das Deutschtum schwang oder ein anderer selbst noch im Jahre 1978 die Nationalmannschaft mit einem im argentinischen Exil lebenden NS-Offizier zusammenbrachte. Wie lässt sich aber nun Theo Zwanzigers achtjähriges Wirken als DFB-Präsident einordnen? Trotz seines zu Amtszeiten bereits fortgeschrittenen Alters muss Zwanziger zweifelsohne als moderner Präsident in die Geschichte des deutschen Fußballs eingehen.

Doch wer beurteilt eines Mannes Werk am besten? Sucht man sich einen Schreiber, der die Taten zu Papier bringt und in den Lauf der Geschichte einordnet? Oder sollte man darauf besser nicht vertrauen und stattdessen selbst zur Feder greifen und eine Autobiographie verfassen, die augenscheinlich dem Vergessen dieser Taten entgegenwirken soll? Theo Zwanziger hat sich für Letzteres entschieden: "Die Zwanziger Jahre" hat er seine kurz nach Ende seiner Amtszeit erschienene Selbstbeschreibung genannt. Glänzten seine "Zwanziger Jahre" etwa genauso golden wie die viel zitierten des vergangenen Jahrhunderts?

Theo Zwanziger steht sicherlich für eine Epoche des deutschen Fußballs, in der sich vieles wieder zum Guten gewandt hat. Die Männer-Nationalmannschaft als Zugpferd fand gegen Ende der Nuller Jahre aus ihrem Tal der Tränen heraus, zugleich muss Zwanziger auch als großer Verfechter des Frauenfußballs genannt werden, der für ihn stets eine große Herzensangelegenheit war und den er spätestens 2011 mit der WM im eigenen Lande salonfähig gemacht hat.

Des Weiteren fallen einige vor Jahren noch undenkbare Tabubrüche in seine Schaffenszeit. In den "Zwanziger Jahren" menschelte es nämlich im knallharten Business des Profi-Fußballs. Zwanziger ermutigte homosexuelle Spieler, sich zu erkennen zu geben, ohne dass es allerdings zu prominenten Outings kam. Im Zuge des Freitods von Robert Enke steht Zwanziger vor allem als Befürworter für das Eingestehen von Schwächen. Auch vergaß Zwanziger nie die breitensportliche Basis des Fußballs, ohne die kein Spitzensport möglich wäre. Wenn heute TV-Slogans zur Bedeutung des Ehrenamts gezeigt werden, dann reicht dies noch zurück in Theo Zwanzigers Ägide als DFB-Präsident.

Das vorliegende Buch schrieb Theo Zwanziger mit Hilfe des Sportjournalisten Steffen Kieffer. Es liest sich ein wenig wie Helmut Kohls dreibändige "Erinnerungen", wenn Zwanziger in der Ich-Form und einem weisen Übervater gleich sein Leben und Wirken schildert. Dabei teilt er an einigen Stellen aus, wie man es von Papa Zwanziger nicht unbedingt erwartet hätte. Vielleicht ist er noch ein wenig darüber verärgert, im vergangenen Jahr nicht mit dem EM-Titel abgetreten zu sein, sodass er Joachim Löw für seine fehlgeschlagene Anti-Pirlo-Taktik im EM-Halbfinale gegen Italien kritisiert. Auch dessen Vorgänger Jürgen Klinsmann stand laut Zwanziger kurz vor der Heim-WM zur Disposition. Bei diesem Sachverhalt scheint Zwanziger allerdings ziemlich alleine dazustehen, da angebliche Mitwisser eines Notfallplans mit diesem konfrontiert heute nur ahnungslos mit den Schultern zucken.

Wer Sportbücher liebt und sich daran begeistert, die jüngere deutsche Fußballgeschichte nochmals hautnah aus dem Blickwinkel der Kommandozentrale heraus mitzuerleben, für den ist "Die Zwanziger Jahre" eine ideale Möglichkeit, diese Zeitreise zu bestreiten, zumal der ehemalige DFB-Präsident dabei mehr aus dem Nähkästchen plaudert, als man es hätte erwarten können. Am Ende bleibt jedoch die Frage, ob Theo Zwanziger nicht besser auf einen Geschichtsschreiber hätte warten sollen, der ihn für seine Taten entsprechend lobt, anstatt sofort selbst seine eigene Autobiographie zu verfassen. So bleibt nämlich das fade Geschmäckle, einer zu sein, der Angst davor hatte, in Vergessenheit zu geraten.

Christoph Mahnel
08.07.2013

 
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Das Buch:

Theo Zwanziger: Die Zwanziger Jahre

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Berlin: Bloomsbury Verlag 2012
368 S., 19,99
ISBN: 978-3-8270-1114-5

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