Autobiographie

Der Weg fhrte nach Osten

Es ist viel über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, umso erstaunlicher ist es, daß immer wieder Bücher erscheinen, die sich wie eine Entdeckung lesen. Alois Seidls autobiographischer Roman ist ein solches Buch. Zu bewundern ist der lakonische und zugleich sehr komprimierte Erzählstil, der auf engstem Raum eine intensive Vorstellung der Geschehnisse zu erzeugen vermag. Mit einigen wenigen ausdrucksstarken Sätzen wird ein Ereignis vergegenwärtigt - und schon drängt sich ein nächstes Bild ins Feld der Aufmerksamkeit.

Wie entschlossen sich der Autor seinem Darstellungsgegenstand nähert und wie präzise er ihn ins Auge faßt, führt bereits der erste Satz des Romans unmißverständlich vor: "Als Elfjähriger hörte ich sie zum ersten Mal: die Stimme jenes Mannes, der letztlich dafür verantwortlich war, dass ich ein Jahrzehnt später Zwangsarbeit in Sibirien verrichten musste". Der Handlungsrahmen des Werkes - die zeitgeschichtliche Situation ebenso wie der Verlauf des eigenen Schicksals - ist damit treffend umrissen.

Am 4. März 1933 lernt der Leser den Erzähler kennen und begleitet ihn durch alle Stationen seiner "Wanderung" bis in den November 1949, als sein Zug im heimatlichen Bahnhof der Sonnenwald-Gemeinde Schöllnach eintrifft. In der chronologisch geführten Schilderung werden nur die wichtigsten Ereignisse dieses Lebensabschnitts festgehalten, die wie Weichen den Weg des Erzählers in der Kriegs- und Nach­kriegswirklichkeit markieren.

Auf die Einberufung zum Wehrdienst im Februar 1941 folgt der Marsch an die Front - durch Österreich, Jugoslawien und Polen nach Weißrußland und weiter direkt nach Moskau. Der dramatische Bericht über das Geschehen auf den Kriegs­schauplätzen, der mit der Schilderung der Kämpfe um Moskau eine gewaltige Steigerung erreicht, gipfelt in einem spannungsgeladenen Bild der Gefangennahme durch russische Soldaten.

Dies ist eine deutliche Zäsur im Handlungsablauf. Von da an verlangsamt sich das Erzähltempo: ein rasches Vorwärtsstreben wird durch eine in ihrer Auswegslosigkeit eher statisch wirkende Darstellung einer ermattenden Gefangenschaft abgelöst. Selbst das häufige Wechseln von einem Arbeitslager in das andere dynamisiert das Geschehen nicht, sondern wirkt wie ein neuer, sich immer enger schließender Ring der Bedrückung und Hoffnungslosigkeit. Von Kursk bis nach Nowosibirsk reicht die Strecke, die der Erzähler während seiner Gefangenschaft hinter sich läßt. Verschiedene Schauplätze lassen ein umfassendes und differenziertes Bild des sowjetischen Lagersystems für Gefangene entstehen.

In einem Zug liest sich dieser packende und erschütternde, stets um die Objektivität bemühte Bericht, der sich durch seine Bildlichkeit sehr gut als Drehbuchvorlage eignen würde.

Avo 
03.09.2003

 
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Das Buch:

Alois Seidl: Vom Sonnenwald nach Sibirien

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Norderstedt: Books on Demand 2001 208 S., 24,90 ISBN: 3-8311-1838-8

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