Autobiographie

Lichtblicke ber den Tiefen der Sucht

Wer immer mit Süchten etwas zu tun hat, aus unverbindlichem Interesse, aus beruflichem Engagement oder aus eigener Betroffenheit, der findet im Buch "Schattenwelten" eine faszinierende Darstellung dieser Suchtwelt vor. Was Jens Woitas über 153 Seiten hinweg beschrieben hat, packt aus verschiedenen Gründen.

Zunächst ist es die einfache, direkte und ungeschminkte Sprache, die das ganze Buch sehr leicht nachvollziehbar erscheinen lassen. "Erscheinen" ist wohl das richtige Wort, denn vollends begreifen wird diese Welt keiner, der nicht selber voll eingetaucht ist. Aber die ehrliche, weil authentische Schilderung lässt die Not und Verzweiflung doch sehr gut erahnen. Dabei geht Jens Woitas von der Nervenklinik Dr. Fontheim in Liebenburg aus, von wo aus er zurückblickt, einzelne Lebensphasen beleuchtet und am Ende auch als Autor auftaucht, der sich mit Worten Rechenschaft über sein Leben gibt, ohne allerdings dieses Wort zu gebrauchen.

Es ist durchaus verständlich, dass die Psychiatrien und Entzugsanstalten die tragende - seltsamer Ausdruck in diesem Zusammenhang! - Basis darstellen und das Studium wie auch die beruflichen Stationen mehr als Unterbrüche oder vereinzelte Inseln vorkommen. Nicht etwa umgekehrt. Woitas spricht von einem Paralleluniversum, das sich in der Rückblende wie eine verhängnisvolle Kette präsentiert. Von frühen Demütigungen, Kränkungen und Verletzungen geht es hinunter in das Abseits der Droge Alkohol, wo man als Wrack mehr dahinvegetiert als wirklich lebt.

Die Psychiatrie mit all diesen Suchtkliniken als Schattenwelt - aus diesem Schatten heraus ist das Buch geschrieben. Einzig die ganz schlimmen Wahnbilder kommen nicht richtig vor das Auge des Lesers. Kein Wunder, denn in solchen Suchtphasen fehlt es schlicht an Bewusstsein und Erinnerungsvermögen, um diese Bilder auch noch malen zu können. Es ist schon viel, wenn man als Person nachher wieder auf der Bildfläche erscheint.

Ein intelligenter Mann mit einem Magna-cum-laude-Abschluss und Erfahrungen in Astronomie und IT-Fragen säuft ab und schleppt sich durch Kliniken, ohne sichtbare Hoffnung auf endgültige Rettung durch irgendwen oder irgendwas. Welch ein Kontrast zwischen dem Wissenschaftler und seinem Potenzial auf der einen Seite und dem Patienten oder - besser - "Gefangenen" auf der andern. Das Buchcover zeigt vor dunklem Hintergrund eine Art Gittermodell, das beleuchtet wird und das gleichzeitig für Verschiedenes steht: für die naturwissenschaftliche Welt des Autors, für das Gehirn, für die Komplexität des Suchtproblems und auch für die Einkapselung in vielen Kliniken.

Interessante Wechsel zwischen unten und oben. Auch die Autorschaft wechselt, zwischen Subjekt und Objekt des Geschehens. "Wir sehen W. in der Klinik sowieso ..." ist eine typische Wendung, mit der W von außen beschrieben wird, der gleiche W, der auch überlegt und selber handelt. Seine Psyche spielt ihm einen Streich, schreibt Woitas einmal.

Dass ein Alkoholiker sein Leben und Leiden Revue passieren lässt, ist kein Einzelfall. Man findet im Buch "Ein anderes Leben" des schwedischen Erfolgsautors Per Olov Enquist ein höchst aktuelles Beispiel, bei welchem die dunkelsten Tiefen des Alkoholismus durchschritten werden. Bei Woitas wird zwar keine Rettung aufgezeigt, und schon gar nicht ein definitiver Erfolg, aber es schimmern Lichtblicke durch. Sie sind verbunden mit Aufschwüngen in der Arbeit und mit vereinzelten Kontakten. Auch wenn der Alkohol seine gesellschaftlichen Möglichkeiten wegschwemmt, gibt es doch Verbindungen und Bezüge.

Den wohl stärksten Lichtblick setzt Woitas mit dem Buch selber. Die Emotionslosigkeit ist dabei nicht etwa eine Schwäche dieses Buches, sie ist vielmehr eine seiner vielen Stärken. Sie zeigt nicht zuletzt auch die Schonungslosigkeit der Selbstbetrachtung. Es ist ein interessantes, kluges und einsichtiges Buch, das den Kapiteln jeweils ein Zitat voranstellt, als gelte es, sichernde Anker zu setzen. "Abgefallen vom Glauben, doch getreu bis zum Ende dem Reich", heißt es etwa in einer Anleihe bei Prudentius, die sich auf Kaiser Julian Apostata bezieht - der Abtrünnige dieses seltsamen Gebildes aus Rückfällen und Abstürzen und irreversiblen Trieben.

"Tief im Innern spürt er", schreibt Woitas über W, "dass er sich noch lange nicht aufgegeben hat." Sätze wie dieser erschließen die "Schattenwelten" den Außenstehenden. Und man kann als Außenstehender kaum leugnen, dass diese Schattenwelt, auch wenn man sie selber verwirft, in solchen Beschreibungen mächtig auf einen einwirkt.

Ronald Roggen
06.04.2010

 
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Das Buch:

Jens Woitas: Schattenwelten

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Rottenburg am Neckar: Mauer Verlag 2009 154 S., 14,80 ISBN: 978-3-86812-169-8

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