Autobiographie

"Frher" ist ein feiges Wort

Er zählt als Schauspieler zur ersten Garde bei Film, Fernsehen und Theater in Deutschland, ist live als Musiker zu erleben und man kennt ihn als jugendlichen und schlaksigen Redner bei einer der größten Demonstrationen in der DDR der Wendezeit. Und nun hat Jan Josef Liefers mit "Soundtrack meiner Kindheit" ein Buch vorgelegt, in dem er von seiner Kindheit und Jugend in der DDR erzählt.

Liefers entstammt einer Künstlerfamilie und zählte allein schon dadurch zu den Unangepassten in der DDR. Dass bedeutete oft eine andere, kritischere Sicht auf viele Dinge des Alltags - das bedeutete aber auch immer wieder Schwierigkeiten in der Schule, während der Lehre, während des Studiums. Sein Talent "rettete" ihm oft den Kragen, wenn er Dinge gesagt oder getan hatte, die nicht konform gingen mit dem, was Vertreter des Staates von ihm erwarteten. Oft hatte Liefers das Glück, dass er Mentoren hatte, die sich für ihn einsetzten.

Dieser Mut zum Außergewöhnlichen war nicht alltäglich und verdient Respekt. Noch mehr Respekt verdient Liefers´ Haltung heute dazu: Er spielt nicht den Helden, stellt sich nicht dar, sondern wertschätzt Wegbegleiter und Förderer, die ihm geholfen haben.

Liefers gelingt es, das Ambivalente der DDR vor allem in der Kunstszene zu beschreiben. Nicht alles war gut, nicht alles war schlecht. Gerade die vielfältigen Grautöne, die unbekannt oder in Vergessenheit geraten sind, bestimmten den Alltag. Dass prominente Persönlichkeiten dabei nicht immer nur auf der Sonnenseite des Lebens standen, wird klar, wenn Liefers von seinen Begegnungen mit Minetti oder anderen Prominenten berichtet.

Vor allem Musik bestimmte Jan Josef Liefers´ Kindheit und Jugend. Wie jeder Jugendliche hatte er "seine Lieder", "seine Bands", "seine Stars". Einige kennt man heute noch, an manche erinnert man sich voller Nostalgie, viele sind von der Bildfläche verschwunden. Textbeispiele im Buch lassen bei vielen Lesern sicherlich einen "Ach ja!"-Effekt auftauchen. Je nachdem, in welchem Teil Deutschlands der Leser aufwuchs, wird er erfahren oder daran erinnert, dass die DDR-Rockmusik-Szene eine ganz besondere war: Sie hatte oft auch einen politischen Auftrag, denn die Musiker hatten etwas zu sagen, was die Interpretationskünste oft auch der Zuhörer herausforderte. Und man erfährt, dass das Leben eines Jugendlichen in der DDR auch bunt sein konnte und nicht grau und eintönig sein musste.

Jan Josef Liefers hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, in dem sich so mancher wiedererkennen wird. Er schreibt nichts schön, was nicht schön war und von Nostalgie kann keine Rede sein. Liefers erkennt sehr wohl Unrecht - aber er verurteilt nicht. Das macht das Buch so interessant und lesenswert.

Kerstin Thierschmidt
15.03.2010

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit

CMS_IMGTITLE[1]

Reinbek: Rowohlt Verlag 2009
331 S., 19,90
ISBN: 978-3-498-03933-2

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.