Medien & Gesellschaft

Die Vergangenheit sieht uns

Ein Geschichtsbuch über Medien! Es wird also um die technische Entwicklung der heute alltäglichen Medien und deren Verhältnis zueinander gehen. Doch weit gefehlt! Schon ein erster Blick in das vorangestellte Inhaltsverzeichnis macht stutzig und erstaunt. Dieter Prokops Darstellung der Geschichte der Massenmedien beginnt in der Antike und spannt einen Bogen über nahezu 2500 Jahre bis ins gerade begonnene 21. Jahrhundert. Kann man von Massenmedien nicht frühestens mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert sprechen und hat sich der Autor da nicht in der Zeit geirrt? Was kann und will ein solch "rückwärtsgewandtes" Buch zu aktuellen Debatten, zur Klärung aktueller Fragen beitragen?

Erste Antworten gibt das Vorwort. Prokop, Professor für kritische Medienforschung am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt, legt darin seinen Ansatz einer neuen kritischen Medienforschung dar, in deutlicher Abgrenzung zu den alten Klagen über die Kulturindustrie: "Die neue kritische Medienforschung untersucht – und sie bezieht den Unterhaltungsbereich und die Bilder mit ein -, wo und wie sich in der Mediengeschichte identitäts-stärkende, solidarische, rational diskursive Kommunikations- und Entscheidungsformen entwickelten, durch welche Macht- und Wirtschafts-Strukturen und durch welche Theorien sie verhindert wurden und in welchen strukturellen Konstellationen sie sich trotz aller Macht- und Wirtschafts-Interessen – und oft auch über sie vermittelt – durchsetzten."

Kritische Medienforschung beachtet also Marktstrukturen, Produktionsweisen, Publikumstrukturen und Produktstrukturen der Medien ebenso wie Theorien über Massen. Ihr Hauptinteresse ist es aber, den Gesamtzusammenhang der genannten einflussreichen Strukturen mitsamt ihrer historischen Entfaltung zu betrachten. Denn ohne das Wissen um bisherige Entwicklungen und Kämpfe lassen sich aktuelle Phänomene und Tendenzen nicht als Fortschritte, Wiederholungen oder Rückschritte einstufen und bewerten. Es ist die Intention des Buches, Medien-Interessenkämpfe, die sich in der Praxis von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft realisieren, und Medien-Problemkonflikte, die sich in der Wissenschaft, in der Theorie wie der empirischen Forschung ergeben, in ihren historischen Dimensionen zu analysieren.

Prokop beginnt seine Geschichtsdarstellung also konsequent mit der griechischen Antike, da sich hier mit dem einem großen öffentlichen Publikum offen stehenden und vom Staat oder der Stadt finanzierten Theater erstmals ein populäres Massenmedium herauskristallisierte. Gleichzeitig entwickelten sich in der Auseinandersetzung zwischen Platon (Höhlengleichnis) und Aristoteles (Poetik) erste Medientheorien und ein erster Problemkonflikt, der sich, zwar mit wandelnden Medien und Gesellschaftssystemen, bis in die Gegenwart gehalten hat und um den aktuelle Debatten kreisen: Massenmedien als falscher Schein (Gefährlichkeit der Bilder) oder als Befreiung (Katharsis durch Rührung, Schrecken und Lachen).

Nun ist Prokop in erster Linie Soziologe, und Soziologen suchen das Allgemeine und Typische. Deshalb geht es ihm primär um das Herausarbeiten solcher Grundfunktionen und Grundkonflikte, die sich aus dem Aufeinanderprallen von Interessenlagen ergeben. Dazu schlägt Prokop Schneisen durch die Geschichte, bündelt - so gut es geht – drei grobe Phasen: Teil I: 40 v.u.Z – 1400; Teil II: 1400-1880; Teil III: 1880 bis Anfang 21. Jahrhundert.

Zwar bietet Prokop zahlreiche Unterstrukturierungen, reichhaltiges Material und detailliertes Faktenwissen, die handlungsleitenden Fragen sind aber für jeden der einzelnen Zeitabschnitte gleich: Wer oder was sind die Massen, neutral definiert als Bevölkerungsmehrheit oder als das große Publikum, das real oder potentiell als Öffentlichkeit agiert? Und wer sind die speziellen öffentlichen Anbieter, ohne die es keine Massenmedien gibt und die mit ihrem Angebot spezielle Interessen verfolgen?

Die Schwerpunkte der Betrachtung liegen dabei immer auf den Mainstream-Medien der jeweiligen Zeit. Ein wesentliches Ergebnis ist dabei, dass viele der angesprochenen Grundkonflikte durchgängig bis heute von Bedeutung sind: Kampf Schrift gegen Bild, Interesse an und Kampf um politische und öffentliche Repräsentanz, Grundinteresse an Rührung, Schrecken, Lachen u. a.. In der Gegenwart angekommen, wird auch Position in aktuellen Debatten bezogen und Stellung genommen sowohl gegen Ideologien der Konservativen, die den "freien Markt" preisen, als auch gegen Ideologien der Linken, deren Denken oftmals noch der Pauschalkritik an den Medien verhaftet ist. Gerade in diesen Passagen wird deutlich: Dieses Buch ist auch ein Plädoyer für eine unabhängige, kritische Medienforschung, die Werten wie Meinungsfreiheit und Kreativität verpflichtet ist.

Indem Prokops klar konzipiertes Geschichtsbuch "Der Kampf um die Medien" Medien-Strukturen aus wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessenlagen heraus erklären möchte, richtet es sich auch an einen über die allein Medieninteressierten hinausgehenden Leserkreis.

In klarer, verständlicher Sprache, mit einer Vielzahl von anschaulichen Beispielen und unter Darreichung eines auf den aktuellsten Stand gebrachten Literaturverzeichnisses sowie eines umfangreichen Personen- und Sachregisters liefert Prokop somit zugleich eine fundierte und lesenswerte Analyse der historischen Entwicklung von Identität, Öffentlichkeit, Vernunft und Unterhaltung. Oder wie es der Autor selbst treffend formuliert: "Die Geschichte der Massenmedien ist – in Information und Unterhaltung – auch eine Geschichte des Kampfs um Meinungsfreiheit, Rationalität, Individualität, Kreativität, Solidarität, Demokratie und Emanzipation."

sth
01.04.2002

 
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Das Buch:

Dieter Prokop: Der Kampf um die Medien. Das Geschichtsbuch der neuen kritischen Medienforschung

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Hamburg: VSA Verlag 2001
494 S., 34,80
ISBN: 3-87975-807-7

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