Medien & Gesellschaft

Lebst du schon , oder funktionierst du noch?

"Mit 17 hat man noch Träume" - so lautet ein beliebter Schlager aus den 60er Jahren. Doch 20 Jahre später muss man meist feststellen, dass aus diesen Träumen nichts geworden ist und das Leben, welches man führt, so gar nicht dem entspricht, wie man es sich vorgestellt hat. So ergeht es auch Katja Kullmanns Protagonistin in ihrem neuesten Werk "Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben".

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, denn auch sie selbst hat die unterschiedlichsten Lebensentwürfe durch- und einige soziale Perspektivwechsel mitgemacht. Mit ihrem Buch "Generation Ally", 2003 ausgezeichnet mit dem Deutschen Bücherpreis für das beste Sachbuch, wurde sie zu Bestsellerautorin, doch musste sie unter anderem auch als Bank-Sekretärin und Sandwich-Verkäuferin ihren Lebensunterhalt verdienen. Selbst Hartz IV ist ihr nicht fremd. In diesen turbulenten Jahren stets eine gewisse Haltung zu bewahren und sich nicht selbst zu verlieren, war dabei ihr Ziel. Wie schwierig ein solcher Versuch angesichts der sozialen Verhältnisse und dem rasanten sozialen Wandel sein kann, zeigt sie in ihrem neuesten Werk "Echtleben".

Die im Buch vorgestellten 30-40-Jährigen, allen voran die Ich-Erzählerin, bemühen sich trotz der teilweise wirtschaftlich und sozial prekären Lage ihre Haltung zu bewahren und in jeder Situation eine gute Figur zu machen - ob als Hartz-IV-Empfängerin beim Dinner mit Prominenten aus der Fernsehbranche, als arbeitslose Landschaftsarchitektin auf Berliner VIP-Partys oder auch als aktiver Teilnehmer in den politischen Diskussionsrunden beim Stammtischtreffen. Doch was heißt das genau, eine Haltung zu haben? Und welche Haltung ist die richtige? Gibt es in dieser Hinsicht überhaupt ein richtig und ein falsch? In der heutigen Gesellschaft ist es en vogue zu funktionieren. Doch wo bleiben da der Trieb zur Selbstverwirklichung und die ebenfalls so gern geforderte Kreativität? Und wie schafft man es, sich der Gesellschaft im Allgemeinen und der jeweiligen akuten sozialen Situation anzupassen und dabei dennoch authentisch zu bleiben? Mit diesen Fragen sieht sich die Protagonistin immer wieder konfrontiert und auch der Leser kommt während der Lektüre nicht umhin sich damit auseinanderzusetzen.

Eine Lösung dieses Dilemmas hat Katja Kullmann nicht parat. Sie hat keinen dieser Pseudo-Ratgeber geschrieben, die heutzutage in Massen in den Buchläden zu finden sind und die vorgeben mittels Stufenplänen oder Punktezählen das Leben in null Komma nichts wieder ins Lot zu bringen. Ein Coaching-Programm zum Glücklichsein oder Erfolgreichwerden sucht man bei Kullmann vergebens. Und das ist auch gut so! Denn "Echtleben" gibt keine dieser wohlformulierten Ratschläge, die schön klingen aber doch nicht helfen, sondern beschreibt echte Geschichten aus dem wahren Leben!

Katja Kullmann hat die sozialen Schichten bzw. Gruppierungen unserer Gesellschaft genauestens analysiert und übt mit ihren soziologischen Studien Gesellschaftskritik auf höchstem Niveau. Die im Kolumnenstil geschriebenen Episoden führen auf tiefsinnige, kluge, teils bitterernste teils ironische Weise dem Leser die Realität vor Augen. Ein politisches, soziologisches und zugleich authentisches und persönliches Buch, das den Leser berührt, ihn mitfühlen lässt und ihn zudem anregt, eine kritische Haltung einzunehmen und über die sozialen Missstände in der Gesellschaft nachzudenken. Was will man mehr?

Kathrin Grimm
12.09.2011

 
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Das Buch:

Katja Kullmann: Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben

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Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2011
256 S., 17,95
ISBN: 978-3-8218-6535-5

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