Biographie

Samia Yusuf Omar , Olympionikin , vertrieben , ertrunken

Peking, August 2008: Die ganze Welt schaut gebannt auf das "Vogelnest" in der chinesischen Hauptstadt, das Stadion, in dem die olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe ausgetragen werden. Legenden wie Usain Bolt oder Kenenisa Bekele begründen dort ihren Weltruhm. Über die halbe Stadionrunde siegt bei den Frauen in 21,74 Sekunden mit Veronica Campbell-Brown eine Jamaikanerin, die sich in den Folgejahren immer wieder mit positiven Dopingproben und Zweifeln an ihrer natürlichen Leistungsfähigkeit konfrontiert sieht. Kein Wunder, dass ihr Sieg viel weniger im olympischen Gedächtnis haften geblieben ist als der Auftritt einer schmächtigen Siebzehnjährigen, die ihren Vorlauf im Schlabber-Shirt bestreitet und dort trotz persönlicher Bestzeit von 32,16 Sekunden mit etwa zehn Sekunden Rückstand auf die Siegerin als Letzte durchs Ziel läuft.

Samia Yusuf Omar hieß das Mädchen, das als einzige Olympionikin aus Somalia den Weg zu den Spielen nach Peking gefunden hatte. Sie lebte ihren olympischen Traum für sich selbst, ihre Familie und ihre Landsleute in Somalia, einem Land im Osten Afrikas, das als sogenannter "failed state" gilt. Dort tobt seit Jahren ein aussichtsloser Bürgerkrieg, eine Regierung ist quasi nicht existent. Die Al-Shabaab-Miliz patrouilliert in der Hauptstadt Mogadischu und kontrolliert die Einhaltung der Scharia mit brutaler Härte und Konsequenz. Dies bestimmte auch den Alltag und das Leben von Samias Familie. Der Vater war bereits Jahre zuvor getötet worden, ihre ältere Schwester hatte aufgrund mangelnder Perspektiven die riskante Flucht nach Europa gewagt. Doch Samia wollte allen Widerständen trotzen, die ihr insbesondere als Frau zu Hause widerfahren waren.

Nach den Spielen von Peking war sie keineswegs als gefeierte Heldin nach Mogadischu zurückgekehrt, sondern wurde bevorzugt drangsaliert, da es für eine Frau unschicklich sei, Sport zu treiben. Dennoch kannte Samia nur ein Ziel, die nächsten Olympischen Spiele 2012 in London. Dafür wollte sie mit aller Macht trainieren, um ein besseres Ergebnis für sich, ihre Familie und ihr Land zu erzielen. Um diesen Traum realisieren zu können, reifte in ihr schließlich die Erkenntnis, dass sie Somalia verlassen und in Europa ihr Glück versuchen muss. Ihre Flucht über Äthiopien, den Sudan und Libyen trieb sie schließlich zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen auf ein Boot, das über das Mittelmeer übersetzen sollte. Vor der Küste Maltas endete Samias Traum von London im April 2012 jäh. Samia stürzte ins Wasser und ertrank.

Die Geschichte von Samia Yusuf Omar ist zwar nur eines von vielen persönlichen Schicksalen, die tagtäglich auf dieser Welt ein tragisches Ende finden, doch ihr Leidensweg ist prädestiniert dafür, stellvertretend allen Menschen, denen in ihrer Heimat kein Leben in Frieden vergönnt ist, ein Gesicht zu geben. Dieser Aufgabe hat sich Reinhard Kleist mit der vorliegenden Graphic Novel verschrieben. Seit geraumer Zeit werden mit diesem Terminus anspruchsvolle Comics in Buchform bezeichnet. In diesem Genre hat sich der Illustrator und Comiczeichner Reinhard Kleist bereits vor "Der Traum von Olympia" mit einigen Werken hervorgetan. Für "Der Boxer", in dem er die wahre Geschichte eines jüdischen Boxers im Konzentrationslager erzählt, wurde Kleist bereits mit Preisen überschüttet. Ähnlich dürfte es ihm nun mit der Erzählung von Samias traurigem Ende ergehen.

"Der Traum von Olympia" beginnt mit der Fernsehübertragung von Samias 200-m-Vorlauf aus Peking. In Mogadischu herrschen pure Freude und Stolz auf Samias Leistung vor. Doch damit sind die emotional positiven Momente bereits erschöpft. Mit dem Wissen um das Ende dieser lebensfrohen Sportlerin übernehmen anschließend nahezu ausnahmslos die traurigen Emotionen die Regie. Dazu passend hat Kleist seine Illustrationen vollständig in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten. Dank seiner eindringlichen Darstellung der Mimik der Menschen kommt er auch über längere Strecken hinweg ohne begleitende Textpassagen aus. Kleist versteht es, die Vorzüge der Graphic Novel gegenüber dem ausschließlich geschriebenen Wort perfekt zu nutzen. Kein Buch dieser Welt hätte Samias Gefühlsleben eindringlicher beschreiben können, als es die vorliegende Graphic Novel visualisiert.

Am Ende bleibt dem Leser zwar nur ein recht kurzes Anschau- und Leseerlebnis, doch die Nachhaltigkeit dieser halben bis dreiviertel Stunde ist enorm. Wer bis dato über Meldungen von gesunkenen Flüchtlingsbooten vor Lampedusa in den Medien als Randnotiz hinweggegangen ist, wird aufgrund des intensiven Nacherlebens von Samias Schicksal nun garantiert an jede einzelne mit diesem Boot gescheiterte Hoffnung denken. Darüber hinaus wächst gleichermaßen der Unmut über die Existenz totalitärer und skrupelloser Regimes, wie sie sich unter anderem in Somalia breit gemacht haben. Im heimischen Wohnzimmer, das geheizt und bequem daherkommt, erscheint es oft so unvorstellbar, dass im 21. Jahrhundert die Welt an vielen Orten noch derart rückständig und wenig lebenswert ist. Reinhard Kleist hat mit "Der Traum von Olympia" das dafür notwendige Bewusstsein nachhaltig geschärft.

Christoph Mahnel
23.02.2015

 
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Das Buch:

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia (Graphic Novel)

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Hamburg: Carlsen Verlag GmbH 2015
152 S., 17,90
ISBN: 978-3-551-73639-0

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