Biographie

Geboren als Gefangener?

Hat das mit der Selbstgef?lligkeit des Fachmanns zu tun? Der ist Georg Ruppelt: Direktor der Gottfried Wilhelm Leibnitz Bibliothek - Nieders?chsische Landesbibliothek. Ruppelt fragt im Vorwort zu dem Band "Horst Bienek - Ein Schriftsteller in den Extremen des 20. Jahrhunderts", an welche Orte gedacht wird, wenn der Name des Schriftstellers genannt wird. Also, an welche, bitte? An keine, weil einem der Name Bienek gar nichts sagt? Das wird so selten nicht sein. Zumal f?r alle, die dort lebten, wo die DDR war. Das Land, das den Schlesier sch?digte wie kein anderes. Im Osten war der Verfolgte ein Nobody. 22 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers hat auch Neu-Deutschland nicht genug getan, um den Vielseitigen bekannt und bekannter zu machen. Also, an welche Orte denken?

Ein Bienek-Lehrbuch, das l?ngst h?tte da sein m?ssen, ist der nun vorliegende Band. Der akademisch angehauchte Titel weist auf das Symposium hin, das am 23./24. Juli 2011 in Hannover stattfand. Nicht unbedingt das, was f?r jedermann geeignet ist? Das w?re bedauerlich. Das w?re nicht pro Bienek. Keine Furcht vor der Publikation! Trotz der Fachreferate der 14 deutschen und polnischen Beitr?ger, der von Reinhard Laube und Verena Nolte herausgegebenen Edition. In der haben selbstverst?ndlich die theoretisierenden Aufs?tze ihren Platz. Das ist wichtig. Wichtiger jedoch ist, dass gen?gend Beitr?ge ?ber Horst Bienek ein Sprechen von, mit und f?r den Schriftsteller sind. Das macht so manchen Text nicht nur lesenswert, sondern liebenswert. Sie h?tten dem Schriftsteller gut getan. Ihm war das Menschsein, das menschliche Sein, jedes Miteinandersein wichtig. Und sei?s um seiner Selbstwillen. Im Namen der Menschlichkeit ist Horst Bienek aufs Gr?bste und Bitterste verletzt worden.

Den am 7. Mai 1930 im deutsch-polnischen Grenzst?dtchen Gleiwitz - 60 Kilometer von Auschwitz entfernt - Geborenen, haben zwei Todesnachrichten erreicht, wie er sagte. Am 8. November 1951 wurde er wegen vermeintlicher Spionage in Potsdam inhaftiert, am 20. M?rz 1987 in M?nchen mit der Diagnose konfrontiert, HIV-positiv zu sein. Schicksal, welch ein Schicksal?! Wird man so Bienek gerecht? So wird man ihm nicht gerecht. Horst Bienek hatte ein gutes Naturell, um verbindliche, verl?ssliche Kontakte von Mensch zu Mensch m?glich zu machen. Das Lieben und Geliebtwerden waren ihm etwas Existenzielles. Oft war sein Lieben ein sexuelles, sprich gleichgeschlechtliches Begehren. Sich im Privaten zu t?uschen, zu befremden, um in der freudlosen Entt?uschung zu landen, war ihm nicht fremd. ?ber seine K?rperlichkeit konnte er mit beeindruckender Offenheit sprechen. In der Offenheit, auch in ihr, wollte er ein Beispiel sein wie im Schreiben.

Das, vor allen das Schreiben, haben die Beitr?ge des Bienek-Buches im Blick. Um hervorzuheben, was das Wesentlichste des Schriftstellers ist. Er wollte in der deutschen Literatur nicht Wiederholtes wiederholen. Er wollte anders, er wollte neu sein. Ein Erneuerer? Wenn auch kein Erneuerer, so hat er doch die Region Oberschlesien in den Weltatlas der Literatur eingetragen. Kraftvoll, klar, kreativ. Unvergleichbar. Unverwechselbar. Das versuchen die Wissenschaftler und Freunde in ihren analytischen Texten zu vermitteln. Selten so kraftvoll, klar, kreativ wie der Autor Bienek. Der war selbst ein beeindruckender Analytiker vor allem osteurop?ischer Literatur. Der bestach, weil er, der Interpret, sich mit jedem Wort ?blichen Phrasen widersetzte. Als Entdecker der Literatur machte Bienek die Leser zu Mitentdeckern.

In der Ver?u?erung der eigenen Lebensgeschichte ("Die Zelle") hat Bienek getan, was er schreibend tun kann, um die Gefangenschaft zu durchbrechen, in die er sich stets gedr?ngt sah. Der Katholik, der Homosexuelle, der Verfolgte, f?hlte er nicht nur, er erlebte die vielfache Gefangenschaft. Nach Verhaftung und Verurteilung vom sowjetischen Staatssicherheitsdienst ins ferne Workuta deportiert, war der einmal Eingesperrte f?r immer ein Gefangener. Horst Bienek hat Workuta 1955 verlassen k?nnen, doch Workuta hat ihn nie verlassen. Hat sich Bienek im Schreiben frei geschrieben? Wer kann das behaupten? Ist f?r einen Schriftsteller das Schreiben nicht eine Art der Gefangenschaft?

Vielleicht war Horst Bienek frei, wenn er sich im Tagebuch ?u?erte. Die volumin?sen Aufzeichnungen sind immer noch nicht bei den Lesern. Solange das so ist, solange ist Horst nicht angekommen. Die Beitr?ge des Bienek-Buches sind ein Beitrag zur Ann?herung an Horst Bienek. Der wollte in seiner Ganzheit gesehen werden. Es ist schwer, offenbar, ihm ganz gerecht zu werden.

Bernd Heimberger
17.12.2012

 
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Das Buch:

Reinhard Laube und Verena Nolte (Hg.): Horst Bienek - Ein Schriftsteller in den Extremen des 20. Jahrhunderts

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Gttingen: Wallstein Verlag 2012
288 S., 19,90
ISBN: 978-3-8353-0971-5

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