Biographie

Ein Meilenstein auf dem Weg zu einem differenzierten Storm-Bild

Der britische Germanist David A. Jackson hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifellos zu einem der renommiertesten Realismus- und Stormforscher entwickelt. Die vorliegende Biographie "Theodor Storm: Dichter und demokratischer Humanist" ist die von ihm selbst ins Deutsche ?bersetzte und auf den neuesten Stand gebrachte Weiterbearbeitung des bereits 1992 in Oxford und New York erschienenen englischen Originals mit dem Titel "Theodor Storm. The Life and Works of a Democratic Humanitarian". Schon damals von der Storm-Forschung viel beachtet und wesentlicher Grund f?r die Auszeichnung Jacksons mit dem Storm-Preis der Stadt Husum im Jahr 1998, fasst nun die deutsche ?bersetzung wesentliche Fragestellungen und Erkenntnisse der ann?hrend drei?igj?hrigen Auseinandersetzung des Autors mit Storm zusammen und macht diese einer breiten Leserschaft auch im Heimatland des Dichters zug?nglich. Und soviel sei schon vorab gesagt: Sie stellt ausnahmslos eine Bereicherung dar.

Jacksons Buch basiert auf dem Paradigma, dass man Storm und Storms Dichtung nicht losgel?st von der Zeit und den Zeitumst?nden des Dichters betrachten und bewerten kann. Die Verbindung von Leben und Werk, Biographie und Text kann dabei ein hochproblematischer Ansatz sein, wovon die Stormrezeption von ihren Anf?ngen bereits zu Lebzeiten des Dichters bis in die Gegenwart zeugt. Fontanes Wort von der "Husumerei" pr?gte nachhaltig das Bild Storms als idyllischen und harmlosen Heimatdichter, der dann in der Weimarer Republik von den Rechten vereinnahmt wurde ? die r?hmliche Ausnahme war Thomas Mann ? und deren Nazi-Jargon mit Begriffen wie "Stammestum" und "Schicksal" die Textdeutungen bestimmten. Das Bild eines "kritischen Storms" r?ckte erst durch Forscher aus der DDR und durch die Studentenbewegung ins Blickfeld und setzte sich in den 1990ern fort. Jackson nun will Storm nicht einfach nur mit einem Etikett versehen in eine Schublade stecken, sondern es geht ihm um einen m?glichst ganzheitlichen und ausgewogenen Blick: "Es schien mir falsch, den ?kritischen?, den ?empfindsamen? oder den ?idyllischen? Storm getrennten Welten zuzuordnen. Was Geist und Vernunft verfochten, sollten auch Fantasie und Gem?t inszenieren helfen." Und so ist es ein erstes Verdienst der Biographie, viele der f?r die Stormforschung so kennzeichnenden Stereotypen in Frage zu stellen.

Jackson zeigt vielmehr, wie Storm einen demokratischen und humanistischen Lebens- und Werkentwurf entwickelte und inwieweit und in welchen Grenzen er diesen auch in seinem Schaffen zu artikulieren vermochte. Denn Storm bewegte sich nicht in einem bedingungslosen Vakuum, sondern in st?ndiger Auseinandersetzung mit den staatlich-politischen Strukturen und den sozial-gesellschaftlichen Wertma?st?ben seiner Zeit. Deshalb nimmt auch deren detaillierte Pr?sentation einen wichtigen und konsequent breiten Raum ein: die Strukturen Schleswig-Holsteins im 19. Jh., die sozial-politischen Verh?ltnisse der Heimatstadt Husum und der famili?re Hintergrund, die Folgen des Scheiterns der Revolution von 1848, die Hauptz?ge der deutsch-preu?ischen Herrschaftsordnung, Storms Auseinandersetzung mit Preu?en nach seiner R?ckkehr nach Husum oder auch Storms intensive Besch?ftigung mit der Vererbungsproblematik und Darwins Thesen.

Vor diesem Hintergrund diskutiert Jackson das Kernproblem Storms und des Poetischen Realismus: das Verh?ltnis von "Kunst" und "Wirklichkeit", das Problem der Vermittlung zwischen dem Bed?rfnis nach poetischer Gestaltung der Welt im literarischen Kunstwerk und der Verpflichtung zur Darstellung der zeitgen?ssischen Wirklichkeit.

Und Jackson zeigt auch, wie Storms demokratisches Projekt zunehmend in Widerspruch zu den realen Entwicklungen im zweiten Kaiserreich ger?t und letztlich scheitert. Aber auch im privaten Bereich wurden Storms humanistisches Weltbild und seine eigenen Anspr?che durch pers?nliche Krisen - das problematische Verh?ltnis zu seinen S?hnen und der Tod seiner ersten Frau - bedroht, es zeigten sich Risse und Br?che. Jackson hat vor allem auf die meist unver?ffentlichten Briefe Storms an seine S?hne zur?ckgegriffen, aber auch weitere neuen Quellen erschlossen und nutzbar gemacht. In der Pr?sentation und differenzierten Bewertung dieses neuen Quellenmaterials liegt ein weiterer Verdienst Jacksons und die herausragende Bedeutung der vorliegenden Arbeit. Auf der Grundlage dieser Gesamtschau entwickelt Jackson zum Verst?ndnis von Storms Leben und Schaffen das Bild eines oszillierenden, faszinierenden und st?ndigen Wechselspiels zwischen "privaten" und "?ffentlichen" Welten, zwischen "Innen" und "Au?en" in allen Lebensbereichen.

Biographien bilden seit jeher den Kern der wissenschaftlichen Arbeit ?ber Storm und repr?sentieren einen wesentlichen Teil der Forschungsgeschichte. Wie bereits ausgef?hrt, liegt leider oft eine Verengung der Perspektive vor. Nicht so bei Jackson. Durch die l?ckenlose Einbeziehung der vorhandenen Quellen und durch seinen ausgewogenen und n?chternen Blick gelingt ihm eine ma?stabsetzende Darstellung der menschlichen sowie der geistig-weltanschaulichen Entwicklung Storms, die eine umfassende und wirkliche Basis f?r ein neues Stormverst?ndnis schafft.

sth
03.07.2002

 
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Das Buch:

David A. Jackson: Theodor Storm: Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie

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Berlin: Erich Schmidt Verlag 2001
358 S., 29,80
ISBN: 3-503-06102-9

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