Biographie

Genie Gertrude?

Vor Ikonen sieht man die Ikonen nicht! Welches Gewimmel der Ikonen in der Welt! Eine der Ikonen aller Ikonen ist Gertrude Stein. Eine Amerikanerin, die in Frankreich lebte. Eine Frau, die keine Männer im Bett mochte. Eine Jüdin ohne orthodoxen Glauben. Eine Autorin, die als Autorin nicht anwesend ist.

"Sie haben etwas Biblisches an sich, Gertrude", schwärmte einst ein Geistesfreund. Hatte sie tatsächlich etwas Unberührtes, Unberührbares, etwas Heiliges? Hatte sie nicht! Die Ikone Stein war eine irdische Figur voller Irrtümer. Sie hatte alle Eigenschaften, sich als Ikone über die wirklich-unwirkliche Welt hinwegzusetzen und so zu erheben. Wie berechtigt, wie unberechtigt? Die Frage ist nicht – nicht mehr? – zu beantworten. Nicht von Janet Malcolm, die sich mit ihrem dreiteiligen biographischen Essay "Zwei Leben: Gertrude und Alice" um eine Annäherung an das berühmteste Frauenpaar des 20. Jahrhunderts bemühte. Berühmt, einfach berühmt! Für wen? Sicher nicht für die Femministinnen. Sicher nicht für die Lesben. Sicher nicht für die Juden. Für wen also? Für die, die in der professionellen Position sind, die moderne Literatur zu propagieren und zu popularisieren. Die Vertreter und Verteidiger der Stein kommen nicht aus den Reihen der Leser. Nicht mal der belesenen Leser. Die Ikone der modernen Literatur ist den Lesern eine Fremde. Die Bekannte ist unbekannt. Vertreter und Verteidiger, die ihre angestrengte Aufmerksamkeit zu gern auf die Autorin konzentrieren, sind in akademischen Institutionen zu Hause. Das war so, das ist so, das bleibt so!

Janet Malcolm hat versucht, den Aufstieg Steins ins Akademische möglichst unakademisch zu ermitteln und vermitteln. Diese Grundhaltung garantiert die Lesbarkeit des Buches, an dessen Entstehungsgeschichte die Leser ständig beteiligt werden. Mit Malcolm mitgehen zu können, ist der große Vorzug der Publikation. Die Verfasserin verehrt keine Ikone. Sie will für sich wissen, wie die irdischen Bedingungen waren, damit die Ikone Ikone werden konnte. Keine unkritische Bewunderin, bewundert Malcolm, wie Stein sich machte, was sie aus sich zu machen verstand. Eine Selbstbewußte, Selbstgerechte, Selbstsichere! Eine Schriftstellerin, die nie ihren Mut verlor, Selbstüberschätzung und Selbstbewunderung zu mindern. Eine Schriftstellerin, die von sich sagte: "Allmählich wußte ich, daß ich ein Genie war!" Dieses Wissen war ihr nie zu brechender Stolz. Mit diesem ungetrübten Wissen schrieb Stein Satz für Satz, so daß sie "in die Rolle des modernistischen Genies hineinwuchs". Das so zu formulieren, kommt schließlich auch Malcolm nicht umhin. Also doch ein bißchen Anbetung der Ikone? Ja, doch, doch, doch! Zumal manche akademische Koryphäe die Autorin bestärkt, Zweifel und Zwist im Sein und Schreiben der Stein nicht zu verhehlen.

"Zwei Leben: Gertraude und Alice" ist keine intellektualisierte Analyse. Ist die Analyse einer vernünftigen Verfasserin, die etwas für die Bildung Gebildeter tut. Sie lädt ein, Spürsinn für die Spuren des Lebens zweier Frauen zu entwickeln. Wie zwiespältig und zwielichtig sich Gertrude und Alice gegenüber den Zeitereignissen verhielten, wie entschieden die Egomaninnen durch sich, für sich, existierten, das ist unmißverständlich gesagt. Die Deutlichkeit steigert gewiß nicht die Sympathie für die Beiden, läßt sie jedoch menschlicher in ihrem Menschsein erscheinen. Und das ist auch gut so!

Besser wäre es gewesen, wenn Malcolm Alice Toklas die erste Geige hätte spielen lassen, die sie im praktischen Leben spielte. Toklas als Witwe darzustellen, die die Lebensgefährtin zwei Jahrzehnte überlebte, entspricht den Klischeeauffassungen der amerikanischen Autorin. Alice als Witwer, das wäre eine Betrachtung wert gewesen. Nicht für Janet Malcolm, die mit sich zufrieden ist und fühlen läßt, daß sie zur Person Stein wie deren Schreiben was zu sagen hat. Auf ihre Art und einiges, was der Verfasserin nicht vorgebetet wurde. Keine vordergründige Lese-Lern-Hilfe zur Literatur-Ikone Gertrude Stein, hat das Buch „Zwei Leben: Gertrude und Alice“ die Qualität, eine Ikone populärer zu machen.

Bernd Heimberger
24.11.2008

 
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Das Buch:

Janet Malcolm: Zwei Leben: Gertrude und Alice. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

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Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
166 S., 19,80
ISBN: 978-3-51842-034-8

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