Biographie

Voluminse Vita

"Er wollte außerhalb aller Konventionen sein", zitiert Philip Norman den Hamburger Klaus Voormann. Er war außerhalb aller Konventionen! Er, der John Lennon! Ein junger Mann aus Liverpool, der in der Szene-Kneipe "Kaiserkeller", Hamburg, St. Pauli, mit einer unbekannten Band spielte. Die hatte sich den Namen "Beatles" gegeben. "John Lennon. Die Biographie" nennt Norman seine voluminöse Chronik der Vita des Briten, der eine starke Affinität fürs Schottische hatte. Die Lennons waren irischen Ursprungs. So unkonventionell John überall und in allem sein wollte, er war nicht ohne Neigung zum Konventionellen. Stets voller Zweifel, lebte er in ständigem Zwiespalt. Sich gegen alle Konventionen zu stemmen bedeutete, sich ihrer magisch-magnetischen Anziehungskraft zu entziehen. Lennon hatte es nie einfach mit sich. Lennon machte es niemand einfach, mit ihm, für ihn zu sein. Fühlte er sich verletzt, verletzte er. Das Glück, John Lennon zu begegnen, konnte als Unglück empfunden werden. Das weiß Philip Norman, der sich den Beatles nicht nur mit theoretischem Verständnis näherte. Seine Nähe und Kenntnis, ließ ihn die dauerhaft-vielbeachtete Beatles-Biographie "Shout" (1981) verfassen. Der Publizist ist der prädestinierteste Lennon-Biograph.

Dass Philip Normans monumentales Werk – über tausend Seiten – nicht die Sympathie von Yoko Ono bekam, muss nicht erstaunen, muss nicht irritieren. Die Ablehnung macht den Autor nicht fragwürdig. Seine Arbeit hat alle Achtung und Anerkennung verdient. Nie provokant in der Darstellung des Beatles-Protagonisten, ist Norman konsequent in der Darstellung des permanenten Provozierers John Lennon. Derart konsequent, dass die Leser das Gefühl haben werden, dass es gut war, diesen Kotzbrocken nie zum Freund oder gar Feind gehabt zu haben. Was immer in der minutiösen Beschreibung Lennons zum Vorschein kommt, der Leidende muss nicht bemitleidet werden. Der Verfasser sorgt dafür, den vielseitig-kunstsinnigen Musiker nie misszuverstehen. Er sorgt dafür, das Missverständliche in der Biographie zu begreifen. Norman hat nicht die Linie der Lennon-Legende verlängert. Ein Kind, ein Jugendlicher, ein Mann tritt profiliert hervor, dessen Leben – auch – durch den Attentats-Tod in New York zur Legende wurde. Sich auf das Widersprüchliche – wie das Widerwärtige – der Person John Lennons einzulassen und das Widersprüchliche zu erklären, macht die Bedeutung der Biographie aus. Mit uneingeschränktem Respekt für die Lebensgeschichte, hat der Verfasser eine respektable, menschliche Geschichte des Lebens von John Lennon geschrieben. Wer die nicht mag, wird den Menschen Lennon nie mögen. Das heißt, sich mit den überragenden Leistungen des Musikers zu begnügen. Was wahrlich nicht wenig wäre!

Norman ist nicht der Biograph, der sich etwas vergibt. So eindeutig die persönliche, private Biographie Lennons, so entschieden die Story des Auf- und Abstiegs der Beatles, deren Erscheinen eine unvergleichliche Ära der Musikgeschichte einleitete. Mit dem Abstand der Jahrzehnte betrachtet – und ins Bewusstsein gebracht – ist die Verblüffung abermals groß, wie kometenhaft die Karriere der Beatles war. Philip Norman, der nie den Ehrgeiz hat, ein mitreißender Erzähler zu sein, ist ein geschmeidiger, sachbetonter, berichtender Journalist. Solange die mitgeteilten Lebens-Ereignisse ohnehin für sich sprechen, ist die Lennon-Biographie schwungvoll-unterhaltsam. Selbst dann, wenn Szenen den wenig liebenswerten Lebenswandel illustrieren. John Lennon war oft ein Unachtsamer, Unbeherrschter, Unwilliger, der sich gern revolutionär gebärdete und nicht mal zum Revolluzer taugte. Freiwillig ging er mit seiner zweiten Frau, Yoko Ono, in das von der ganzen Welt für seine verheerende Kriegführung in Vietnam verurteilte Land. Sobald wesentliche Augenblicke der Zeitgeschichte artikuliert werden, versagte der Verfasser in der kritischen Gesellschaftsanalyse. Brilliant ist der Biograph im Auflisten von Ereignissen. Nicht nur der Lebensereignisse des John Lennon, die beeindruckend sind. Detailliert-lang, lang ist auch die Liste entwickelter, aufgenommener, erfolgreich verbreiteter Musiktitel des Frontmanns der Beatles und des Solisten. Desto länger die Listen, desto lahmer der Text und langweiliger die ansonsten Neugier schürende Lektüre. Die Lennon-Biograhpie ist leicht zu lesen. Philip Norman hat für Jedermann geschrieben. Unkompliziert, bisweilen allzu schlicht, hat er die Biographie eines Komplizierten verfasst, dem das Schicksal den Status einer außergewöhnlichen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts sicherte. Außergewöhnliche Persönlichkeit, weil John Lennon tatsächlich meist außerhalb des Gewohnten existierte und nicht durch außergewöhnliche Geschehnisse auf den Sockel gehoben wurde. An den John Lennon, der John Lennon wirklich war, muss sich gewöhnen, wer die Musik Lennons liebt. Philip Normans John Lennon-Biographie ist eine ausufernde, konventionelle Biographie eines Unkonventionellen.

Bernd Heimberger
10.11.2008

 
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Das Buch:

Philip Norman: John Lennon. Die Biographie. Aus dem Englischen von Reinhard Kreissl

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Mnchen: Droemer Verlag 2008
1021 S., 29,95
ISBN: 978-3-426-27352-4

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