Buch des Monats Januar 2017

Perle der Hrspielkunst aus dem Jahre 1965

Neben "Anna Karenina" gilt "Krieg und Frieden", das zwischen 1862 und 1869 entstanden ist, als einer der Romane, die den dem russischen Adel entstammenden Lew Tolstoi zu literarischem Weltruhm aufsteigen ließen und ihn bis heute - über 100 Jahre nach seinem Tod - auch weiterhin dort halten. Beide Romane wurden bereits mehrfach verfilmt, vertont und für die Bühne bearbeitet. Der Hörverlag hat mit der Veröffentlichung der Hörspielbearbeitung von "Krieg und Frieden" durch Gert Westphal aus dem Jahre 1965 eine Perle der Hörspielkunst aus den Archiven des WDR zutage gefördert und entstaubt.

Russland zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Während Russland der Grande Armée unterliegt und weitere Schlachten, wie die von Smolensk und Borodino sowie der große Brand von Moskau mal die Hauptrolle und mal die Hintergrundmusik zu anderen Handlungssträngen spielen, entfaltet Tolstoi anhand von drei adeligen Großfamilien ein Gesellschaftsbild zur Zeit von Zar Alexander I. Die Familie der Bolkonskijs muss mit dem Tod der jungen Fürstin im Kindbett einen schweren Verlust hinnehmen. Ihr Mann Andrej gibt daraufhin seinen Sohn Nikolaj in die Obhut seiner Schwester, der Prinzessin Marja. Die Rostows plagen Geldsorgen, während die sechzehnjährige Natascha auf ihrem ersten Ball auf den jungen Witwer, Fürst Andrej, stößt. Die beiden verlieben sich ineinander, doch um eine gewisse Trauerzeit zu wahren und sich einer Bedingung des alten Fürsten Bolkonskij zu beugen, müssen die Verliebten ein Jahr ins Land ziehen lassen, bevor sie heiraten dürfen. Doch ist die Liebe stark genug, um ein Jahr in den Wirren des Krieges und die emotionale Sprunghaftigkeit einer Sechzehnjährigen zu überstehen?

Während Andrej und Natascha in Liebe entflammt sind, steht Pierre Besuchow vor den Trümmern seiner Ehe. Seine Frau Hélène hat ihn mit seinem Jugendfreund betrogen. Pierre verlässt daraufhin seine Frau und die Stadt. Das Leben der Besuchows, Bolkonskijs und Rostows verwebt Tolstoi nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch auf dem gesellschaftlichen Parkett. Rauschende Bälle und Soirées wechseln sich mit verheerenden Schlachten, Plünderungen und Aufständen ab. Mitten in diesen Kriegswirren sterben Helden, werden neue geboren, verlobt und entlobt man sich, verliebt und verheiratet man sich.

Tolstois Epos ist somit zugleich Historien-, Familien- wie auch Bildungsroman. Dass eine Hörspielbearbeitung eines solch umfangreichen Werkes Kürzungen fordert, ist selbstverständlich. So setzt Gert Westphal in seiner Version etwas später als die Buchfassung ein, kürzt den Anfang ab, endet aber ebenso wie das Buch. Die Produktion des WDR aus dem Jahre 1965 stammt aus einer Zeit, als solche Radiosendungen Woche für Woche die Hörer vor dem Rundfunkempfänger versammelten und als der Fernseher bzw. der Computer noch nicht die Vormachtstellung im Bereich des Medienkonsums gewonnen hatte.

Herrlich nostalgisch erscheint dem heutigen Hörer vor allem die Konzeption des Hörspiels, das auf zehn "Abende" aufgeteilt ist, was in der heutigen Ausgabe zehn CDs entspricht, wovon jede ca. 45 Minuten Laufzeit hat - ganz im Sinne einer TV-Serie. Genau wie diese wird auch jede neue Folge, sprich jede CD, mit einer Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse eingeleitet.

Es gibt so viele Besonderheiten und Glanzpunkte bei dieser Hörspielausgabe aufzulisten, dass man als Hörspielfan gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Bei der Ausstattung mit einem sehr umfangreichen Booklet, das von einem Stammbaum der drei Familien über einen geschichtlichen Abriss der Zeit bis zu einem Personenregister alles enthält, was man sich als Hörer als Zusatzinformation wünscht? Oder bei dem grandiosen Schauspielerensemble, das Gert Westphal für seine Hörspielproduktion um die Mikrofone versammelt hat? Oder bei der Tatsache, dass man der Aufnahme ihr Alter nur aufgrund der vielen mittlerweile nicht mehr unter uns weilenden Schauspieler anhört, dass ihr ansonsten aber keine Alterserscheinungen vom Ton her anhaften? Oder sollte man schlichtweg damit anfangen, dass dieses Hörspiel im Gegensatz zu vielen modernen Versuchen nicht unnötig überfrachtet ist, dass Erzählpassagen, Dialoge, Geräusche und Musik immer im rechten Maß eingesetzt sind - manchmal ist weniger eben mehr - und dass Westphals "Krieg und Frieden"-Interpretation auch heute noch als Blaupause für Hörspiele dienen könnte und auch sollte?

Sabine Mahnel
02.01.2017

 
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Das Buch:

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. Aus dem Russischen von Marianne Kegel

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Sprecher: Volker Brandt, Klausjrgen Wussow, Gustl Halenke, Heinz Bennent u.v.a.
Mnchen: Der Hrverlag 2016
Spielzeit: 486 Min., 39,99
ISBN: 978-3-8445-2050-7

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