Buch des Monats - Juli 2012

Langer Marsch: "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frey"

Er ist ein schlechter Gatte und ein noch schlechterer Vater. Doch dann l?uft er quer durch England zu seiner kranken Freundin und findet dabei zu sich selbst.

Eigentlich wollte Harold Frey nur zum Briefkasten gehen und ein Schreiben an seine kranke Freundin Queenie einwerfen. Doch auf einmal wird daraus ein fast 1000 Kilometer langer Fu?marsch. Er l?uft in der Hoffnung, seine Freundin zu retten, aber auch, um eine alte Schuld abzutragen. Jeder Kilometer tr?gt ihn nicht nur weiter von zu Hause fort, sondern ver?ndert sein Leben. Die Pilgerreise wird zu einem langen Marsch zu sich selbst.

Sicher gibt es nicht viele B?cher, die einen solchen Sog entfalten wie "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frey". In dem Roman der BBC-Journalistin und Autorin Rachel Joyce geht es um die wesentlichen Dinge des Lebens, um das, was uns alle umtreibt: Liebe und Tod, Treue und Betrug, gro?e Themen verpackt in eine einf?hlsam erz?hlte, zu Herzen gehende Geschichte. Genau das erkl?rt den ungew?hnlichen Erfolg des Buches, das in Gro?britannien zum Bestseller wurde. Die Rechte wurden bereits in ?ber 30 L?nder verkauft.

Dabei ist Harold Frey eigentlich keine allzu sympathische Gestalt. Zumindest zu Beginn der Geschichte erscheint der pensionierte Brauereivertreter als eine dr?ge und fade Person, die sich am liebsten immerzu unsichtbar machen w?rde. Schon als Kind hat er gelernt, sich zu ducken. Er f?hlt sich als schlechter Ehemann und als noch schlechterer Vater. "Versagen war das einzige, worin ich gut war", sagt er einmal. Zwischen ihm und seiner Frau Maureen herrscht seit Jahren Eisesk?lte. Sie versteckt ihre Verbitterung hinter krankhafter Putzsucht, er igelt sich in Alltagsroutine ein.

Bis ihn eines Tages der Brief einer ehemaligen Arbeitskollegin erreicht. Queenie Hennessy liegt sterbenskrank in einem Hospiz in einer Stadt an der schottischen Grenze. Harold erinnert sich an sie als eine Person im braunen Kost?m von "rechtschaffener Unscheinbarkeit". Nur eine Qualit?t schien sie auszuzeichnen: Sie konnte Pfefferminz lutschend "God save the Queen" r?ckw?rts singen. Und doch: Genau diese unauff?llige Person rettete ihn seinerzeit, und er sagte nicht einmal Danke sch?n. Diese Schuld gilt es nun abzutragen: "Ich werde laufen und du wirst leben", schreibt er ihr. "Du musst nur durchhalten."

Und so beginnt seine Wanderung quer durch England von der S?dk?ste bis zur schottischen Grenze. V?llig untrainiert, nur mit unzul?nglichen Segelschuhen ausgestattet, beginnt der alte Mann diesen Weg, auf dem er das Leben neu entdeckt. Die Sch?nheit der Natur er?ffnet sich ihm unversehens ebenso wie der Reichtum menschlicher Begegnungen. Er lernt M?nner und Frauen kennen, bei denen Schein und Sein auseinanderklaffen, und er erkennt: Nicht nur er hat sein P?ckchen zu tragen, auch andere wandeln ?ber Abgr?nde.

Leben bedeutet Unvollkommenheit. Immer wieder wird er w?hrend seiner Reise mit seiner eigenen Vergangenheit und Schuld konfrontiert, ein schmerzlicher Prozess der Selbsterkenntnis kommt in Gang. Drei Monate des Zagens und Zweifelns, aber auch voller Mut und Selbstvertrauen. Der Leser wandert nicht nur atemlos mit zu Menschen und Orten, sondern auch durch die zerfurchte Seelenlandschaft des Harold Frey.

Manchmal schrammt das Buch haarscharf am Rande des Kitschs vorbei, scheinen die menschlichen Begegnungen und Schicksale allzu sehr nach einem simplen Muster gestrickt, der Weg des Pilgers leicht vorhersehbar zu sein. Doch dann gelingt es der Autorin wieder, der Geschichte eine unerwartete Wendung zu geben. Der tragische Unterton des Buches ist authentisch: Rachel Joyce hat den Roman quasi im Wettlauf mit dem Tod f?r ihren krebskranken Vater geschrieben, doch der erlebte die Ver?ffentlichung nicht mehr. Millionen Lesern allerdings hat sie mit ihrem Buch ein Geschenk gemacht.

Sibylle Peine, dpa
25.06.2012

 
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Das Buch:

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frey. Aus dem Englischen von Maria Andreas

Frankfurt am Main: Krger Verlag 2012
384 S., 18,99
ISBN: 978-3-8105-1079-2

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