Wissenschaften

"Glckliche dichten nichts Unvergngliches"

Walter Muschgs monumentales Werk "Tragische Literaturgeschichte" sollte man nicht wie gebräuchliche Werke der Literaturgeschichte (vgl. Metzler) betrachten, sondern tragisch will hier als menschlich verstanden werden. Muschgs Ziel ist es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Ansatz zeichnet sich bereits im obigen von Muschg geäußerten Satz. Dabei wird sich nicht nur auf die deutsche Dichtung beschränkt, sondern die europäische Literatur wird einbezogen (z.B. Shakespeare, Rousseau, Euripides, Dostojewskij etc.). Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf deutschem Boden (besonders auf Goethe).

Orpheus – der sagenhafte Sänger aus der Antike, der aus Liebe zur Nymphe Eurydike in die Welt des Hades hinabstieg sowie mit seinem Gesang und dem Lyra-Spiel Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine betörte – nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein. Orphische Dichtung ist Dichtung mit mystischem Inhalt. In diesem Buch wird deutlich gemacht, dass Literatur als ein magisches Mittel dient, mit dem man sich Ausdruck verschafft. Dies kann man bereits an den ersten und somit ältesten literarischen deutschen Erzeugnissen erkennen: "Merseburger Zaubersprüche". In der damaligen Zeit waren Worte noch Zauberzeichen. Selbst die Bibel mit dem ersten Buch Moses hat magische Bezüge (so bezeichnet Muschg Moses als Meister der ägyptischen Zauberkunst). Dieses Konzept zieht sich durch die gesamte Literaturgeschichte (von der grauen Vorzeit in die moderne Gegenwart).

Die Frage nach den Grundformen des Dichterischen steht in diesem Werk im Mittelpunkt. Der erste Teil (mit den Kapiteln "Die Weihe" und "Die Entweihung") beschäftigt sich mit der Typologie des Dichterischen bestehend aus den Archetypen Magier, Seher und Sänger (mit den Untertypen des Gauklers, Priesters und Poeten). Der 2. Teil spürt in acht weiteren Kapiteln in Längsschnitten das Dauernde der Dichtung im geschichtlichen Wandel auf und entwickelt eine Theorie der dichterischen Stile und Formen. Dabei werden eindrücklich Beispiele aus der Literatur dargestellt. Goethe als eines der größten Genies unserer Zeit kommt dabei fast überall vor.

Das Wunderbare an diesem Werk ist sein einmaliger Ansatz. Die erste Ausgabe von 1948 sorgte sogar für Furore. Diese zweite überarbeitet Ausgabe steht seinem Vorgänger in nichts nach. Das Buch ist sehr sprach- und wortgewaltig geschrieben. Dabei zeigt es einen neuen Blickwinkel, der es ermöglicht, den Künstler hinter seinem literarischen Werk (und somit dieses selbst) besser zu verstehen. Als Kritikpunkt ist anzumerken, dass das Buch jemandem in seiner Sprachmasse ein wenig erschlägt. Ein wenig Auflockerung (z.B. mit Bildern der beschriebenen Künstler, Bildpassagen über mystische/geschichtliche Vorgänge) würden Abwechslung hineinbringen und somit nicht zu ermüdend wirkend. Alles in Allem kann es dazu dienen, den Wissenshorizont des Lesers zu erweitern und darf somit in keiner gut sortierten Bibliothek fehlen.

Susann Fleischer
04.08.2008

 
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Das Buch:

Walter Muschg: Tragische Literaturgeschichte

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Zrich: Diogenes Verlag 2008
152 Seiten, 29,90
ISBN 978-3-257-06531-2

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