Hrbcher

Strafe muss sein

Max Schmeling ist für seinen Erfolg als Schriftsteller über so manche Leiche gegangen. Für Tibor Schittkowski, seinen Mitstreiter aus fernen Schulzeiten, hatte sich das Leben deutlich weniger auf der Sonnenseite abgespielt. Da erreicht Max aus heiterem Himmel ein Brief Tibors mit der Bitte um einen Gefallen. Vierzig Jahre lang hatten die beiden keinen Kontakt mehr, obgleich Tibor dem späteren Schriftsteller in jungen Jahren zweimal durch beherztes Eingreifen das Leben gerettet hatte. Vor allem deswegen steigt Max aus seinem Olymp herab und kommt der Aufforderung, Tibor zu besuchen, rasch nach. Tibor Schittkowski leidet an einer unheilbaren Krankheit und hat nur noch wenige Woche zu leben. Daher drängt die Zeit Max dazu, Tibor den einen und allerletzten Gefallen zu tun.

Während Max seine langjährige Partnerin für den Ruhm als Erfolgsautor geopfert hatte, war Tibor für die Liebe seines Lebens ins Gefängnis gegangen. Seine Tochter aus dieser Beziehung hatte er daher erst im Erwachsenenalter zu Gesicht bekommen. Doch als Tibor erfährt, dass sie eine begeisterte Leserin der Romane von Max Schmeling ist, weiß er, wen er für die Erfüllung seines größten Wunsches hinzuziehen muss. Vertrackt wird die Lage allerdings dadurch, dass die Mutter von Tibors Tochter in ganz frühen Jahren auch mal eine Liaison mit Max hatte. Doch sind die eigentliche Wahrheit und die ganze Tragweite der Geschichte noch viel komplizierter, als Max es sich für einen seiner Erfolgsromane selbst hätte ersinnen können.

Der schwedische Topseller Håkan Nesser hat mit "Strafe" dieser Tage seinen neuesten Kriminalroman veröffentlicht. Wieder einmal handelt es sich dabei um ein eigenständiges Werk, da "Strafe" keiner der erfolgsverwöhnten Reihen Nessers um einen Kommissar van Veeteren oder Barbarotti angehört. Dennoch ist "Strafe" ein Experiment und beileibe kein gewöhnlicher Roman aus der Feder des schwedischen Erfolgsautors. Paula Polanski ist das Pseudonym einer deutschen Was-auch-immer, die angeblich Nesser während einer seiner Lesereisen auflauerte, um ihm ihre Geschichte zu erzählen. Diese scheint bei Nesser auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, denn "Strafe" ist das Ergebnis dieser gemeinschaftlichen Arbeit.

Auch die vorliegende Hörbuchausgabe ist ein Co-Produkt, und zwar zweier renommierter deutscher Schauspieler. Dietmar Bär alias Freddy Schenk aus dem Kölner "Tatort" und Katja Riemann, die Allzweckwaffe des deutschen Films, teilen sich die 373 Minuten der vollständigen Lesung, die vom Münchener Hörverlag produziert wurde. Dabei nimmt sich Dietmar Bär der Teile an, die aus der Perspektive Max Schmelings erzählt werden, während seine Mitleserin die Stellen zum Besten gibt, in denen die weibliche Hauptdarstellerin aktiv wird. Das Wechselspiel in der Lesung war aufgrund der diametral gegenüberstehenden Blickwinkel der beiden Protagonisten zwingend notwendig und befeuert zusätzlich noch den Hörgenuss.

Eine Rezension über "Strafe" zu schreiben, ist aufgrund der darin konstruierten Geschichte ein Balanceakt auf dem Hochseil. Man ist zwar gefesselt und begeistert von dem Plot, den Nesser gemeinsam mit Polanski gestrickt hat, muss sich zugleich aber zurückhalten, da beinahe jedes Wort über die Handlung ein Wort zu viel sein könnte. "Strafe" wohnt eine eigentümliche Dynamik inne, im besten Nesserschen Stile dümpelt die Story lange Zeit vor sich hin, bevor der Leser überrumpelt und mit Attacke aufs Kreuz gelegt wird. Doch keine Sorge, dieser Hinweis schützt keineswegs davor, beim eigenen Lesen oder Hören von "Strafe" vor den urplötzlichen Wendungen gefeit zu sein. Auch wäre man garantiert nicht überrascht davon, wenn es zu einer Fortsetzung von "Strafe" kommen würde – oder zumindest ein Sequel im Sinne von "Die Wahrheit über Kim Novak und den Mord an Berra Albertsson" erscheinen würde, das Paula Polanskis Rolle in "Strafe" erklärte. Wer von diesen kryptischen Andeutungen irritiert ist, der greife einfach selbst zu "Strafe" und lasse sich auf ein gelungenes Verwirrspiel um Sein und Schein ein.

Christoph Mahnel
06.07.2015

 
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Das Buch:

Paula Polanski und Hkan Nesser: Strafe. Aus dem Schwedischen von Paul Berf.

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Sprecher: Dietmar Br und Katja Riemann
Mnchen: Der Hrbuchverlag 2015
Spielzeit: 373 Min., 19,99
ISBN: 978-3-844-51810-8

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