Hrbcher

Zwischen Thriller und Fantasy

Eine Familie befindet sich auf der Flucht. Ihr Mann Nate liegt schwer verletzt auf der Rückbank des Autos, als Hannah mit der schlafenden Tochter Leah ein leerstehendes Farmhaus in Snowdonia, einem Nationalpark in den walisischen Bergen, ansteuert. Dort finden die Drei Zuflucht vor ihren unbestimmten Verfolgern, doch plötzlich taucht ein älterer Mann mit seinem Hund vor dem Haus auf. Hannah ist sehr verängstigt und misstrauisch gegenüber allem Fremden, denn auf ihrer Familie scheint ein jahrhundertealter Fluch zu liegen, den Hannah bannen muss, wenn ihr ihr Leben lieb ist.

In Stephen L. Jones Debütroman "Der Bann" entführt der Autor seine Leser in eine spannungsgeladene Handlung, die sich über die Jahrhunderte und halb Europa erstreckt. Die Zeitsprünge zwischen den drei Hauptebenen der Erzählung bestimmen den Verlauf der Geschichte. Da wäre neben besagter Gegenwart in Snodowina die Universitätsstadt Oxford in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts. Dort lebt der Uni-Professor George, der die Bekanntschaft einer Frau mit französischem Akzent macht. Der dritte und mysteriöseste Handlungsstrang ist im 19. Jahrhundert in Ungarn verankert, wo die unglückselige Geschichte von Lukács, einem jungen Adligen, ihren Anfang nimmt.

Lukács gehört zu einem Adelsgeschlecht in Ungarn mit langen und sehr alten Traditionen, dessen Angehörige "hosszú életek" sind, sogenannte Gestaltwandler. Die "hosszú életek" sind sehr langlebige, beinahe unsterbliche Menschen, die ihre Gestalt verändern können. Als Heranwachsende nehmen sie an einem Initiationsritus zwecks Paarung und Fortpflanzung teil. Lukács, der sich schon immer ein wenig vom Rest seiner Familie unterschied, bricht zu diesem Treffen auf. Doch läuft das Ganze anders als geplant und völlig aus dem Ruder. Lukács lässt sich im Rahmen dieses Treffens zu einem Verbrechen hinreißen, das einen Fluch auf ihn und alle Frauen, zu denen er ein Verhältnis hat, wirft. Dieser Fluch wirkt bis in die Gegenwart hinein und ist scheinbar der Grund für Hannahs Flucht und ihr merkwürdiges Verhalten.

Der 528 Seiten umfassende Roman wurde für das vorliegende Hörbuch als ungekürzte Lesung umgesetzt. Mit Peter Lontzek wurde hierfür ein Sprecher ganz im Sinne des Autors verpflichtet, da das Mystische dessen ruhige Stimme umgibt und die Handlung befeuert, ganz wie ein Autor sich dies für die gesprochene Version seines Buches nicht besser wünschen kann. Lontzek nimmt sich Zeit für seinen Vortrag, was sich darin bemerkbar macht, dass bei der Lesung des gesamten Buches auf den beiden mp3 CDs insgesamt über 16 Stunden vergehen. Fast zwei Minuten widmet sich der Sprecher jeder zu vertonenden Seite der Buchvorlage.

"Der Bann" beinhaltet mit seiner Mischung aus Thriller und Fantasy eine sehr spannende Geschichte. Der Autor hat sich mit dem vielschichtigen Aufbau sehr große Mühe gegeben und ein komplexes Familien-Epos über Zeiten und Länder hinweg geschaffen. Dieser Aufbau beginnend mit der Darstellung der einstigen Verhältnisse in Ungarn wurde vom Autor sehr gut gestaltet, so dass die drei Handlungsstränge allmählich und stimmig zusammenlaufen können. Die zeitliche Investition in die ungekürzte Lesung lohnt sich bei "Der Bann" auf jeden Fall. Doch Ungeduld ist hier fehl am Platz, denn wer geschwind für sich die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Zeiten verstehen will, wird wohl oder übel ein wenig unruhig und auf die Folter gespannt werden.

Als Hörer, der am Anfang gar nichts weiß und sich peu à peu in die Handlung mit alle ihren Zusammenhängen hineinfinden muss, stellt man sich die elementarsten Fragen: Warum flieht die Familie? Welcher Gestalt ist die Bedrohung? Mal ist "Der Bann" mehr Thriller, mal mehr Fantasy. Beim "Validieren", der Art und Weise wie Hannah Menschen überprüft, ob jemand auch derjenige ist, der er vorgibt zu sein, fühlt man sich an die alten Terminator-Filme erinnert, wenn Arnie die ihm gegenüberstehenden Menschen einscannt, um deren Eigenschaften für seine Übernahme zu überprüfen.

Stephen L. Jones ist es gelungen, einen Hauptdarsteller zu kreieren, dem man als Hörer zwiespältig gegenübersteht. Zwar verurteilt man manche seiner erschreckenden Handlungen, doch da man ihn und sein Schicksal in Gänze kennengelernt hat, bringt man sogar Verständnis dafür auf und fühlt mit ihm mit, ohne ihn als Monstrum zu verurteilen. Wenn ein Autor einen Debütroman wie "Der Bann" aufs Parkett zaubert, darf man ohne Übertreibung gespannt sein, was zukünftig aus dessen Feder kommen wird. Der Anfang zumindest war höchst unterhaltsam und macht Lust auf mehr!

Christoph Mahnel
03.02.2014

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Stephen L. Jones: Der Bann

Sprecher: Peter Lontzek
Berlin: Argon Verlag GmbH 2014
974 Min., 24,95
ISBN: 978-3-839-81291-4

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.