Hrbcher

Die Geschichte , die etwas anders schon mal erzhlt wurde

Vor gut zwei Jahren erschien mit Jonas Jonassons Debütroman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" ein Buch, das einen Siegeszug durch die hiesigen Bestsellerlisten feiern sollte. Rasch eroberte es die Top Ten, kurze Zeit darauf setzte es sich an deren Spitze fest und ließ sich viele Monate lang von dort nicht vertreiben, so dass man sich beinahe an die Okkupation der Alben-Charts durch Michael Jacksons "Thriller" in den Achtziger Jahren erinnert fühlte. So verwundert es keineswegs, dass mit der Ankündigung des neuen Romans aus der Feder des in der Schweiz lebenden Schweden allerorten helle Aufregung einsetzte.

"Die Analphabetin, die rechnen konnte" folgt bereits in der Syntax des deutschen Titels dem Erfolgsrezept des Vorgängerromans. Aber auch inhaltlich wird der erwartungsfrohe Leser jenes grundsätzliche Muster entdecken, das ihm bereits beim "Hundertjährigen" begegnet war: Mit der 1961 in den südafrikanischen Slums geborenen Nombeko Mayeki ist die Hauptdarstellerin dieses Mal dunkelhäutig, benachteiligt, dafür aber mathematisch hochbegabt. Dennoch beginnt ihr Lebensweg als Latrinentonnenträgerin recht leidvoll. Nach einem Autounfall, bei dem sie als Fußgängerin Opfer eines betrunkenen Atomwaffeningenieurs wird, sieht das Gerichtsurteil vor, dass Nombeko als Putzfrau unentgeltlich in die Dienste besagten Täters zu treten hat. Damit nimmt Nombekos Schicksal und beinahe das der ganzen Welt ihren Lauf.

In der Folgezeit steckt Nombeko ihre Nase tief in das südafrikanische Atomwaffenvorhaben, bevor ihr schließlich die Ausreise aus dem Land gelingt, in dem zu dieser Zeit noch die Apartheidpolitik der weißen Minderheit maßgeblich ist. In Schweden trifft sie als Asylsuchende zusammen mit einer Atombombe aus dem südafrikanischen Bestand ein und dort auf die beiden Holgers, Monarchen-Hasser und Zwillinge, von denen jedoch nur Holger Eins bei den Behörden gemeldet ist, während Holger Zwei praktisch nicht existiert. Noch weitere, höchst illustre Personen gesellen sich schließlich zu einer Runde, die im wahrsten Sinne des Wortes mit gehörig Sprengstoff ausgestattet ist. Während Südafrikaner und Schweden nichtsahnend sind, haben sich zwei israelische Mossad-Agenten auf die Fährte der Bombe gemacht. Der friedliebenden Nombeko und ihren Begleitern gelingt es jedoch zunächst nicht, sich Gehör bei Schwedens König und Premierminister zu verschaffen, so dass eine hochgradig verzwickte Situation entsteht und sich keine Lösung am Horizont abzuzeichnen vermag.

Obgleich die Geschichte der "Analphabetin" durchaus neuartig anmutet, wird es einem insbesondere aufgrund des aus dem "Hundertjährigen" bekannten Erzählstils Jonassons wie Schuppen von den Augen fallen, dass man quasi eine Neuauflage des Megasellers mit anderen Figuren vor sich hat. Zwar ist die Protagonistin dieses Mal weiblich, deutlich jünger und entstammt der anderen Hemisphäre sowie einer anderen Ethnie, doch schart sie wie einst Allan Karlsson eine bunte Clique um sich, die brisantes Material mit sich führt und unter höchst kuriosen Umständen und recht häufig mit einigen führenden Politikern und Repräsentanten wichtiger Nationen zusammentrifft.

Doch genug der Kritik an Jonassons Kopierstil, da auch andere und darunter einige hochdekorierte Schriftsteller Weltliteratur geschaffen haben, die nicht frei von Parallelen zu vorigen Werken war. Schließlich sollte über allem stehen, dass es Jonasson erneut gelungen ist, eine hochgradig unterhaltsame Geschichte zu schreiben. Wer Spaß am Lesen und an verrückten Konstellationen hat, wird die "Analphabetin" lieben. Jonasson hat mit dieser überzeichneten und völlig unrealistischen Story erneut bewiesen, dass er schlicht ein großartiger Geschichtenerzähler ist. Führt man sich die Ereignisse aus der "Analphabetin" bildlich vor Augen, wird man aus dem Schmunzeln kaum mehr herauskommen. Jonasson kreiert eine groteske Situation nach der anderen. Er erklärt mit einer Leichtigkeit Gegebenheiten, die man danach für bare Münze hält, wenn beispielsweise der Vater seine beiden Zwillinge Holger und Holger nennt, aber aus abstrusen Beweggründen nur einen der beiden offiziell meldet.

Thalbach ersetzt Sander

Die vorliegende, gekürzte Hörbuchausgabe umfasst sechs CDs und wird von Katharina Thalbach gelesen. Der "Hundertjährige" war einst noch vom inzwischen verstorbenen Otto Sander intoniert worden. Thalbach hat mit ihrer markanten und polarisierenden Stimme als Sprecherin natürlich das Potential, dass sich die Geister an ihr scheiden. Doch sie nimmt sich bewusst zurück und trägt die unterhaltsame Geschichte angemessen vor. Als Sprecherin passt sie auch stimmlich sehr gut zur Hauptdarstellerin, vor allem dann, wenn sie die Verschmitztheit Nombekos verkörpert und mit ihrer guten Betonung überzeugt.

Es ist wahrlich bewundernswert, welche Themenvielfalt Jonas Jonasson in seinen Vergnügungsroman hineingepackt hat: Da wären neben der Kritik an den sozialen Missständen in Afrika oder der Ignoranz der Menschenrechte in China die unsinnige und verhängnisvolle Jagd so vieler Länder der Erde nach Nuklearwaffen, das undurchsichtige Werkeln von Geheimdiensten oder die Frage danach, ob Monarchien in der Gegenwart ausgedient haben. Jonasson hat die gesamte Palette elementarer Weltfragen spielerisch und humorvoll auf einer einzigen Erzählebene zusammengebracht und dabei eine Vielzahl von Charakteren geschaffen, die samt ihrer Eigenarten und Macken herrlich aufeinander geprallt sind.

Doch für Jonasson gilt es nun, eine elementare Frage zu beantworten. Er ist zweifelsohne an einer Kreuzung seiner Schriftstellerkarriere angekommen und muss sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen möchte. Sicherlich würde das Konzept, das mit dem "Hundertjährigen" und der "Analphabetin" bereits zweimal erfolgreich war, auch ein drittes oder viertes Mal für die Bestseller-Listen genügen. Doch könnte es ihm dabei wahrscheinlich sehr ähnlich wie einem Dan Brown ergehen, dessen vierter Robert-Langdon-Roman auch nur noch einen Bruchteil derjenigen interessiert, die für "Das Sakrileg" noch vor verschlossenen Buchläden angestanden haben. Vielleicht aber erinnert sich Jonasson einfach daran, dass er ein phantastischer Geschichtenerzähler ist und diese Fähigkeiten auch in einem völlig anderen Gewand ausspielen kann.

Christoph Mahnel
23.12.2013

 
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Das Buch:

Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte

Sprecher: Katharina Thalbach
Mnchen: Der Hrverlag 2013
470 Min., 19,99 Euro
ISBN: 978-3-867-17887-7

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