Hrbcher

Von Hamburg nach New York

Hamburg-Finkenwerder, 1923: Paul Benitt wächst als jüngster von drei Brüdern auf dem Obsthof seiner Eltern. Das Leben ist entbehrungsreich und hart, und während sein Bruder Johann sich für ein Leben als Lehrer entscheidet, träumt der jüngere Paul, der gerade eine Tischlerlehre absolviert hat, von der großen weiten Welt. Eines Tages schmuggelt er sich ohne das Wissen seiner Familie auf einen Ozeandampfer mit Ziel New York.

Dort angekommen wartet jedoch nicht wie erhofft das süße Leben auf ihn. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt als Tischler und wohnt in einer kleinen Mansarde. Nach diversen eher flüchtigen Frauenbekanntschaften trifft er die italienische Einwanderin Antonina. Die Beziehung zu ihr ist etwas Besonderes. Er könnte sich vorstellen, sie zu heiraten, wäre da nicht immer dieser eine Traum, der ihn seit der Überfahrt nach Amerika nicht mehr loslässt. Als blinder Passagier ist er dem Schiffsarzt gelegentlich zur Hand gegangen, u. a. wurde Paul dabei unfreiwillig zum Geburtshelfer. Seitdem lässt ihn der Wunsch, Arzt zu werden, nicht mehr los. Er macht in New York auf der Abendschule sein Abitur und könnte nun anfangen zu studieren - wären da nicht die immensen Studiengebühren.

Pauls Mutter, die sein plötzliches Verschwinden nie verkraftet hat, wittert hier ihre Chance und bietet ihrem Sohn an, ihn finanziell zu unterstützen, wenn er zum Studium zurück nach Hamburg kommt. Paul zögert nicht lange und kehrt 1937 in ein Deutschland zurück, das er kaum wiedererkennt. Antonina lässt er in New York zurück. Sie sollen sich zehn Jahre lang nicht sehen - bis der Krieg überstanden ist. Doch ob auch ihre Liebe diese lange Zeit übersteht?

Agnes Krup erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte ihres in die USA ausgewanderten Großonkels. Sie selbst ist auch in Finkenwerder aufgewachsen und später als Lektorin und Literaturagentin nach New York gegangen. Laut eigenen Aussagen basiere "Mit der Flut" zwar in groben Zügen auf der Realität bzw. auf den Briefen, Fotos und Zeitungsausschnitten, die ihr die Witwe ihres Großonkels hinterlassen hat, die Details habe sie jedoch ausgeschmückt.

Die Tatsache, dass dieser Auswanderergeschichte ein reales Schicksal zugrunde liegt, macht sie besonders und anders. Auch zeichnet Krup die Figuren nicht nur liebenswert. Paul liegt sein Herz nicht gerade auf der Zunge, er erscheint egoistisch und man hat mehr als einmal das Gefühl, dass er eine so treue Seele wie Antonina, die all die Jahre ausgeharrt hat, überhaupt nicht verdient hat. Und selbst als die beiden dann tatsächlich heiraten, ist ihre Ehe alles andere als eine Bilderbuchehe, in der alles gemäß dem beliebten letzten Satz eines Märchens geht: "Und wenn sie nicht gestorben sind, ..."

Was die Kriegsjahre in Deutschland betrifft, legt Krup den Schwerpunkt auf das tägliche Leben, die großen und kleinen Sorgen der Zivilbevölkerung: Hungerwinter, Entbehrung und das Hoffen und Bangen um die eingezogenen Männer.

Während die Buchversion von "Mit der Flut" über 500 Seiten umfasst, kommt man bei der Hörbuchversion nicht in den Genuss der vollen 544 Seiten. Die gekürzte Version bringt es auf 660 Minuten Spielzeit. Gelesen wird das Ganze unaufgeregt und dem Stil des Romans angemessen von der Schauspielerin Nina Petri. Als echte Hamburgerin meistert sie selbstverständlich auch die plattdeutschen Passagen mit Bravour.

"Mit der Flut" ist vieles in einem: Familiengeschichte, Auswandererroman, Liebesgeschichte und - da zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verortet - natürlich auch Zeitgeschichte sowie Gesellschaftsroman.

Sabine Mahnel
06.11.2017

 
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Das Buch:

Agnes Krup: Mit der Flut

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Sprecherin: Nina Petri
Hamburg: Osterwold audio 2017
Spielzeit: 660 Min., 22,00
ISBN: 978-3-86952-365-1

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