Romane

Ein vertrackt-poetischer Roman

?ber sie ist alles gesagt. Die Quellen, Dokumente und Abhandlungen ?ber Jeanne d'Arc (1412-1431) f?llen Bibliotheken. Romanciers, Dramatiker und Filmemacher haben sich an der Lebensgeschichte des M?dchens aus dem lothringischen D?rfchen Domr?my abgearbeitet. Was k?nnte uns nach fast sechs Jahrhunderten diese Figur bedeuten, die in Frankreich l?ngst als nationaler Mythos institutionalisiert wurde?

In Felicitas Hoppes ?Johanna? fungiert die tausendfach beschriebene und gedeutete Biografie der Jungfrau von Orl?ans als ferner Spiegel, der ein fahles Licht zur?ck auf unsere Gegenwart
wirft: ?denn wie wir die Fakten auch drehen und wenden, wir sind fast tot, und sie ist lebendig. Puella Johanna. Geboren am sechsten Januar, kann sein, auch am f?nften.?

So desillusioniert gibt sich die namenlose Ich-Erz?hlerin in diesem vertrackten Roman, der keineswegs ein historischer ist. Es geht um uns und unsere Zeit in sieben kunstvoll arrangierten Kapiteln und einem Prolog - entstanden ist eine hinrei?ende poetische Maskerade ?ber Akademiker, K?nige, Pr?fungen, Forschungsbetrieb, Uni- Stress, Kaffee aus dem Automaten und eine unausgesprochene Liebe.

Die Ich-Erz?hlerin, vermutlich Historikerin, steht kurz vor ihrer Promotion, ist einem Fachkollegen namens Peitsche sehr zugetan, und muss mit ihrem Professor klarkommen. Dieses Figurendreieck strukturiert den Roman.

Hoppes Text ist immer unterwegs. Eine Party wird gefeiert, auf dem Balkon steht ein Grill, aber das Feuer k?nnte auch vom Scheiterhaufen stammen, auf dem Jeanne d'Arc am 30. Mai 1431 in Rouen verbrannt wurde. Peitsche geht ins Schwimmbad, zieht seine Bahnen, und pl?tzlich schwimmt ein Herz in der Seine. Es gibt eine Pr?fung an der Uni und eine Pr?fung der Jungfr?ulichkeit bei der Jungfrau von Orl?ans. Drei Akademiker sitzen im Zug nach Paris und kommen in der fr?hen Neuzeit an. Hoppe ?berblendet die Zeiten, bisweilen wechselt das Erz?hltempus mehrere Male in einem Absatz.

Drei ist dabei die magische Zahl, das Vehikel der Anverwandlung.

Johanna wird angeblich in der Dreik?nigsnacht geboren, mit dreizehn h?rt sie zum ersten Mal Stimmen, die der drei Heiligen Katharina, Margareta und Michael. Die Erz?hlerin denkt an ?drei Worte, die nicht von den Lippen kommen?, ein Liebesgest?ndnis besteht aus drei Worten und die akademische Bestnote auch. Dazwischen oszilliert der bestechend kunstvolle Text, den man unbedingt zwei Mal lesen sollte.

Besser drei Mal. Auch wenn der geneigte Leser nicht alle harten N?sse knacken kann oder will, die im poetischen Unterholz ausgelegt sind.

Auch Fu?ball wird gespielt in diesem Roman, der auf Handkes ?Die Angst des Tormanns beim Elfmeter? anspielt und ?Hundert Jahre Schlaflosigkeit? beklagt. Bisweilen blitzt Komik auf: ?Niemand schwenkt Fahnen so heftig wie Damen?. Das klingt wie von Robert Gernhardt gedichtet. Und das Rigorosum hei?t treffend ?Angstkonferenz?. Das Sch?nste an ?Johanna? ist am Ende die stumme Liebesgeschichte, die gut verpackt zwischen den historischen Reminiszenzen immer wieder aufscheint. ?Ein Kuss in die Luft, ein Pfiff durch die Z?hne, wir sind wieder da. Peitsche wickelt mich fest in die Decke. Er trocknet mich ab, und ich lache?.

Johannes von der Gathen, dpa
12.12.2006

 
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Das Buch:

Felicitas Hoppe: Johanna

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Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2006
171 S., 17,90
ISBN: 3-10-032450-1

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