Romane

Too old to rockn roll , too young to die

Einen skurrileren Job kann ein Journalist wohl kaum bekommen: Chuck Klosterman, Anfang 30 und Redakteur des New Yorker Musikmagazins "Spin", erh?lt von seiner Chefredakteurin den reichlich nebul?sen und seltsamen Auftrag, an Todesschaupl?tzen von Stars der Rock- und Popszene zu recherchieren und dar?ber zu schreiben. Der bekennende KISS- und Radiohead-Fan macht sich in einem Leihwagen also auf den Weg quer durch die USA, um per GPS die Punkte zu finden und somit Momente zu erleben und zu ersp?ren, die aus normalen Stars Legenden machen - oder auch nicht. So steht Chuck einmal neben ganz banalen Stra?enkreuzungen, auf denen Rockstars offenbar mit Vorliebe f?r Motorr?dern verungl?ckten und marschiert durch schier endlose Felder oder Sumpfgebiete, in denen fast l?cherlich kleine Erinnerungsdenkmale und Kreuze an abgest?rzte Flugzeuge mit prominenten Insassen erinnern - wie beispielsweise der Rock'n Roller Buddy Holly oder die S?dstaaten-Band Lynyrd Skynyrd. Auch der posthum zur Grunge-Ikone deklarierte Kurt Cobain darf nicht fehlen, der sich mit einer Schrotflinte selbst ins Nirvana bef?rderte - und vor dessen Haus in Seattle nun Chuck fast am Ende seiner Reise steht, neben ?berzeugten Cobain-Fans auf ein einsames Blumenbeet starrt und ?ber die Verh?ltnism??igkeit der Verg?tterung von Rockidolen nachdenkt.

Beim Anblick dieser Trauerrituale wird Chuck schnell auf den Boden der Tatsachen zur?ckgebracht. Einige, auf den ersten Blick eher wie Randnotizen wirkende, fl?chtige Begegnungen mit Menschen auf seiner Reise wirken dagegen schillernd und fast surreal: eine Franz Kafka lesende Schnellrestaurant-Bedienung oder ein Kontraba? spielender Rockfan auf einem provisorischen Friedhof f?r die Opfer eines abgebrannten Musikclubs. Neben der Musik macht sich Chuck auf seinem USA-Trip Gedanken ?ber sein Beziehungsleben, in dem drei Frauen eine besondere Rolle spielten oder noch spielen - und welche er nun wirklich liebt, wei? er am Anfang seiner Reise nicht.

Die Popkultur der sechziger Jahre hat neben vielen bemerkenswerten und zeitlosen Musikalben, eindrucksvollen Beispielen bildender Kunst sowie einigen Geschmacksverirrungen und Drogenexzessen auch eine ureigene amerikanische Sonderform des erz?hlenden Journalismus geschaffen - den "Gonzo"-Journalismus. Der amerikanische Journalist und Autor Hunter S. Thompson gilt allgemein als "Erfinder" des literarischen Stilmittels - sicherlich auch durch LSD-Konsum beg?nstigt. Dabei vermischen sich sehr stark Fakten und Realbeschreibungen mit subjektiven und fiktiven Elementen. Scheinbar Unwichtiges r?ckt in den Vordergrund, Gegenwart und R?ckblenden wechseln wild hin und her und der Reporter wird zum Erz?hler.

Auf diese Stilform greift auch dieses dritte, autobiographisch gef?rbte Buch von Chuck Klosterman in lesenswerter Weise zur?ck - obwohl man schon Musikfreak sein mu?, um jede Pointe und Anspielung auf bestimmte K?nstler, Alben oder Songtexte zu verstehen. Trotzdem sp?rt man aber permanent die glaubw?rdige Leidenschaft des Autors zur Pop- und Rockmusik und ihren so unterschiedlichen Protagonisten. Man leidet (oder lacht) als Leser mit Chuck, wenn er auf seinen langen, endlosen Autofahrten auf den Highways - begleitet von der unvorstellbaren Menge von 600 Lieblings-CDs im Kofferaum (!) - ?ber die Musik nachdenkt, lokale Radioprogramme verteufelt und ihm pl?tzlich Erinnerungsmomente aus seinem Beziehungsleben durch den Kopf gehen und ihn immer wieder verfolgen. Oft versp?rt man als Leser die Neigung, w?hrend des Lesens genau die angesprochene CD aufzulegen und einfach mitzuh?ren - ein interessanter Nebeneffekt.

Hagen Stoll
21.09.2006

 
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Das Buch:

Chuck Klosterman: Eine zu 85% wahre Geschichte

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Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2006
283 S., 18,90
ISBN: 3-10-038210-2

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