Romane

Man kann den Menschen aus der Welt , aber nicht die Welt aus dem Menschen nehmen

In Kevin Kuhns "Hikikomori" versucht der Protagonist Till sich komplett von seiner Außenwelt abzuschotten. Dass er nicht zum Abitur zugelassen wurde, nimmt er als Anlass, sich völlig neu und ohne fremde Einflüsse zu orientieren. Sämtliche Möbel werden aus seinem Zimmer verbannt, Beziehungen beendet, der Kontakt mit der Familie auf das zum Überleben notwendige Minimum beschränkt. Während vor seiner Zimmertür das Leben weitergeht, zieht sich Till in sein digitales Reich zurück. Rollenspiele ersetzen ihm die Realität, hier kann er selbst über Sein und Nicht-Sein bestimmen, sodass er sich frei und im Besitz der Kontrolle über sein Leben wähnt.

Tatsächlich holt ihn aber die Wirklichkeit fortwährend ein, denn Nahrung aus Bits und Bytes macht ihn denn doch nicht satt. Auch plagen ihn Phasen der Einsamkeit, vor allem an Weihnachten. Als er sich aus seinem Zimmer und zu seiner Familie unter den Christbaum wagt, wird Till jedoch zum Großteil ignoriert. Hatten ihn Mutter, Vater und Schwester bisher in seiner Selbstfindung unterstützt, verlieren sie alle allmählich die Geduld mit ihm, denn Till macht keinerlei Fortschritt und verursacht mittlerweile nur noch Arbeit und Unbehagen. So muss der "Hikikomori", wie solche Personen im Japanischen heißen, schlussendlich alle Brücken abbrechen.

Der Leser braucht für dieses Buch einen langen Atem, denn im Grunde passiert nicht sonderlich viel. Wie auch, wenn sich der Protagonist vor jedweder Handlung in seinem Zimmer verbirgt? Till lässt sich mit einem Samenkorn vergleichen, das in der Erde ruht, um zu reifen und erst wieder zu Tage zu treten, wenn es so weit ist. Doch im Gegensatz zur Pflanze, scheitert dieser Mensch. Till vergräbt sich immer weiter, ohne erkennbar zu "reifen".

Kevin Kuhns "Hikikomori" erinnert stark an die Werke Kafkas. Porträtiert wird ein rückständiges Individuum, das schlichtweg nicht in der Lage ist, sich in die fortschreitende Gesellschaft zu integrieren. Kritik dieser Art sowie der Stil des Buches mögen nicht jedermanns Geschmack sein, aber für die Liebhaber Franz Kafkas ist Kevin Kuhn ein Segen.

Jennifer Runde
21.12.2015

 
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Das Buch:

Kevin Kuhn: Hikikomori

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Berlin: Berlin Verlag 2014
224 S., 8,99
ISBN: 978-3-8333-0930-4

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