Romane

Literatur , die alles andere als gewhnlich ist

Viele Tode musste Opa Jurek in seinem Leben sterben: im besetzten Warschau, nachts auf der Straße, wo er in der Sperrstunde zwei deutschen Soldaten in die Arme läuft. Oder als er als Zwangsarbeiter den Todeshunger kennenlernt. In Opole, der vom Krieg zerstörten Stadt auf dem Mond, wo er vor den leeren Regalen seines Lebensmittelgeschäfts Nr. 6, noch immer sterbenshungrig, von Delikatessen und mehrgängigen Mittagessen träumt. Und auch, als er längst mit Oma Zofia verheiratet ist und ihre Tochter sich in einen schulbekannten Delinquenten und Sohn regimekritischer Eltern verliebt, der sie nach Kanada entführen will. An all das und noch mehr erinnert sich die Familie, als sie von Opa Jurek Abschied nimmt.

Opa Jurek hat viel erlebt. Man folgt seinen Geschichten quer durch die Jahrzehnte, beginnend Anfang der 1940er Jahre, als die Deutschen Polen überfallen und sich als Herren über die Bewohner sehen, und endend im Heute, wo es nicht leicht ist, ein Held zu sein. Was man so alles über Opa Jurek erfährt, versetzt nicht nur dessen Kinder und Enkelkinder in Erstaunen, sondern auch den Leser. Diesen überkommt des Öfteren das Gefühl, mittendrin im Geschehen zu sein. Man nimmt Anteil an Jureks "schwieriger Zeit", an seinem bewegten Leben zwischen Kriegsgräueln, KZ-Horror und realsozialistischen Zumutungen. Dabei dreht es sich immer wieder um Themen wie Gewalterfahrung und Ausgrenzung, Hunger und Zukunftsangst ...

Unterhaltung der einsamen Spitzenklasse - in den Geschichten aus der Feder von Matthias Nawrat steckt Lesegenuss pur. Von diesen kann man einfach nicht genug bekommen. Denn hier findet man zwischen zwei Buchdeckeln ganz großes Lesekino. "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" lässt es weder an Emotionen noch an Spannung fehlen. Während der Lektüre weint man ganze Sturzbäche von Tränen und zugleich amüsiert man sich so herrlich wie sonst nur noch beim Lesen der Bücher von Patrick Modiano. Der deutsche Autor schreibt ungeheuer fesselnd. Er sorgt für ein noch nie dagewesenes Leseerlebnis. Seine Werke sind vor allem eins: absolut grandios! Schlichtweg der helle Wahnsinn! So viel guter Lesespaß haut einen glatt um.

Matthias Nawrats Romane bedeuten das beste und schönste Lesevergnügen der Welt. Mit "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" bekommt man Literatur auf höchstem Niveau in die Hand. Kaum die ersten Seiten gelesen, fühlt man sich so glücklich wie selten zuvor. Und man hat alles um sich herum vollkommen vergessen. Nun schon zum dritten Male beweist Nawrat, dass er ein brillanter Erzähler ist, ein Schriftsteller von Weltklasse. Seine Bücher zeugen von hoher Schreibkunst.

Susann Fleischer
07.12.2015

 
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Das Buch:

Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek

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Reinbek: Rowohlt Verlag 2015
416 S., 22,95
ISBN: 978-3-498-04631-6

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