Romane

Gegen die Zeit

"Zwei Wahrheiten - Chroniken einer Binnenschifferfamilie" von Willem Resandt ist ein 2012 erschienener, packender Roman, in dem brandaktuelle philosophische, physikalische und metaphysische Fragestellungen und Phänomene unvermittelt in das Leben einer einfachen Familie hineinwirken.

Dass Raum und Zeit relativ sind, wissen wir seit Albert Einstein. Aber ist vielleicht auch die Wahrheit eine veränderliche Größe? Gibt es parallele Universen und nebeneinander existierende, unterschiedliche Wahrheiten und Vergangenheiten? Ist der Stein "Es war" wirklich unwälzbar, wie Nietzsche meint? 

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Roel de Schipper und seine Frau Silvia sind ein glückliches Paar. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie als Binnenschiffer auf dem Rhein. Regelmäßig besuchen sie die jüdische Familie Achim und Beate Bernstein, die in Worms ein kleines Hotel betreibt. Seit dem Machtantritt Hitlers geht es den Bernsteins nicht nur wirtschaftlich immer schlechter und so beschließen sie, Deutschland zu verlassen.

Der Versuch von Roel und Silvia, zunächst den gemeinsamen Freund Achim und das Vermögen der jüdischen Familie unbemerkt in die Niederlande zu bringen, scheitert. Offenbar ist ihr Plan verraten worden. Achim und Roel werden von der SS erschossen; ein mit Goldschmuck und Diamanten gefüllter Koffer verschwindet auf mysteriöse Weise ...

Kurz vor der Tragödie war der illegal in Deutschland lebende Schiffsjunge Jan bei Roel und Silvia aufgetaucht, ein polnischer Jude, der hofft, von den beiden mitgenommen zu werden. Silvia ist schwanger und nach Roels Tod ist Jan ihre einzige Hilfe an Bord. Silvia besorgt ihm gefälschte Papiere und heiratet den laut Geburtsurkunde nun 20-Jährigen. An Bord des Dampfers "Europa" wandern sie in die USA aus. Doch Jan hat ein düsteres Geheimnis, von dem Silvia nichts ahnt. Trotz seiner jüdischen Herkunft geht er auch Jahre nach der Übersiedlung einer rätselhaften, aber gut bezahlten Tätigkeit auf dem deutschen Passagierdampfer "Europa" nach. Auch später versorgt er Silvia und ihre Tochter Rachel mit Geld, obwohl nie eine Liebesbeziehung zu Silvia entsteht. Im Herzen bleibt Silvia für alle Zeiten mit Roel verbunden.

Als Silvia erfährt, dass Jan Rachel vergewaltigt hat, kommt es zum Streit, in dessen Verlauf Silvia von Jan erschossen wird.

70 Jahre später: Als Roel van Warring aus dem Koma erwacht, befindet er sich auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Mannheim, wo man ihn bereits aufgegeben hat.

Die Ärztin Prof. Dr. Christa Selig steht vor einem Rätsel. In einem winzigen Areal zeigt das Gehirn des eigentlich bereits Verstorbenen außergewöhnliche, heftige Aktivitäten. Wider Erwarten erwacht Roel van Warring aus dem Koma und erzählt die abenteuerliche Geschichte des Roel de Schipper und seiner Frau Silvia, eine Geschichte, von der sich schnell herausstellt, dass sie tatsächlich stattgefunden hat - vor über 70 Jahren!

Während die Professorin versucht, das Phänomen zu erforschen, und Roel erneut ins künstliche Koma versetzt, geht der merkwürdige Traum weiter. Immer mehr Details kommen ans Licht - Details, die nachprüfbar sind, Details der einzigartigen kriminellen Karriere eines Mannes, der für Geld und Reichtum über Leichen ging.

Offenbar verfügt Roels Gehirn über die Fähigkeit, die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden. Aber wie kann man das beweisen? Und warum ist Silvia, die kurz nach dem Krieg starb, ihm heute so vertraut?

Auf seiner Suche nach Spuren der Vergangenheit begegnet Roel van Warring dem nunmehr über 80-jährigen Jan und Silvias Tochter Rachel. Der alte Mann reagiert erschrocken auf die detaillierten Kenntnisse, über die Roel verfügt, und begeht kurz darauf Selbstmord.

Jans Abschiedsbrief, seine geheimen Tagebücher und deren Abgleich mit dem Wissen Roels fördern nach und nach eine Wahrheit zutage, die so unerträglich, grausam und menschenverachtend ist, dass Roel sich zu einem Schritt entschließt, der weitreichende Folgen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben kann ...

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 "Die Wirklichkeit nimmt keine Rücksicht darauf, ob wir uns ein Bild von ihr machen können", schreibt 2008 "Der Spiegel" in einem Beitrag über die Stringtheorie und die Möglichkeit der Existenz paralleler Universen. Mit seinem Roman "Zwei Wahrheiten" unternimmt Willem Resandt den Versuch, das Unvorstellbare verständlich zu machen, indem er es in das Leben einfacher und schon auf den ersten Blick sympathischer Menschen hineinwirken lässt - mit atemberaubenden, unerwarteten Folgen.

Der Autor nimmt den Leser mit in eine andere Wirklichkeit, eine andere Wahrheit, in der Begriffe wie Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft grundsätzlich in Frage stehen und die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung aufgehoben zu sein scheint.

Willem Resandts Roman ist eines von jenen Büchern, die man in einem Zug durchlesen möchte - fesselnd, gut verständlich, wo es um komplexe wissenschaftliche Sachverhalte geht, mitfühlend und zutiefst menschlich. Am Ende bleibt der Leser im Ungewissen: Ist diese Geschichte wirklich erfunden - oder ist sie selbst ein Schlüssel in die Vergangenheit?

Mario Lichtenheldt 
18.03.2013


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Willem Resandt: Zwei Wahrheiten, Chroniken einer Binnenschifferfamilie

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag, 2012
540 S., 19,80
ISBN: 978-3-8372-1187-0

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