Romane

Zu Gast in der Mailnder Unterwelt

Zwei Jungen beobachten an einem Septembertag im Jahre 1958, wie in der Mail?nder Innenstadt ein Geldtransporter auf offener Stra?e ?berfallen wird. W?hrend die Bev?lkerung den Coup der Gangster insgeheim bejubelt, gelingt es der Mail?nder Polizei nach geraumer Zeit schlie?lich, die T?ter dingfest zu machen. Eine ?hnliche Zerrissenheit kennzeichnet auch den weiteren Lebensweg der beiden Jungen: F?r Antonio Santi, der dank seiner Beobachtungsgabe der Polizei wertvolle Hinweise liefern kann, ist dieser ?berfall Anlass, eine Karriere als Polizist einzuschlagen. Roberto Vandelli hingegen ist fasziniert von der M?glichkeit, in k?rzester Zeit Unmengen von Geld zu verdienen, und schl?gt sich bereits in jungen Jahren auf die Seite des B?sen.

Paolo Roversi, ein junger italienischer und hierzulande noch weitgehend unbekannter Schriftsteller, feiert mit "Milano Criminale" in diesem Fr?hjahr seinen gro?en internationalen Durchbruch. Darin f?hrt er seine beiden Protagonisten Antonio und Roberto durch die Sechziger und Siebziger Jahre und zeigt auf, wie unterschiedlich sich zwei Jungen ?hnlicher Herkunft entwickeln k?nnen. Doch hat Roversi nicht nur eine Geschichte ?ber zwei Heranwachsende geschrieben, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Gem?lde Italiens mit der zweiten H?lfte des Zwanzigsten Jahrhunderts als Hintergrund geschaffen.

W?hrend sich Ende der F?nfziger Jahre die Mail?nder Unterwelt im Wesentlichen noch aus einer Vielzahl von Kleinkriminellen zusammensetzt, die lediglich f?r ihr Auskommen die Grenzen des Gesetzes ?berschreiten, werden diese in den folgenden Jahrzehnten durch immer professioneller und in gr??erem Stile agierende Banden abgel?st. Im Zuge dessen entwickelt auch der heranwachsende Vandelli eine Meisterschaft als Kopf einer Verbrecherschar, als der er sich zu einem der f?hrenden Mail?nder Gangster und schlussendlich zum gro?en Gegenspieler Santis aufschwingt.

Roversi schildert am Lebensstil der beiden Protagonisten glaubhaft, warum die italienische Gesellschaft derart Gefallen an der Seite des B?sen finden kann. Schlie?lich ist Santis Karriere steinig und sein emsiges und redliches Streben nach dem Aufbau einer b?rgerlichen Existenz mit harter Arbeit und gro?er Disziplin verkn?pft. Sowohl von seinen Vorgesetzten als auch von seiner Ehefrau Carla wird er vor harte Proben gestellt, die viel Durchhalteverm?gen und Hartn?ckigkeit von ihm verlangen, w?hrend zur gleichen Zeit Vandelli in Saus und Braus lebt und daf?r nur hin und wieder eine Bank oder einen Juwelier ?berfallen muss.

Roversi, selbst Jahrgang 1975, baut zahlreiche bedeutende zeitgeschichtliche Ereignisse aus den Sechzigern und Siebzigern mit in die Handlung ein. Neben marginalen Eckpunkten wie der Landung des ersten Menschen auf dem Mond oder dem Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien bei der WM in Mexico sind es die Studentenproteste in den Jahren 1968 und 1969, die Santi als jungen Polizisten in seinem Beruf fordern, vor allem aber sein Gewissen plagen, da er als Vertreter seines Staates eine Position einnehmen muss, die er ideologisch nicht vollumf?nglich vertreten kann. Lebhafte Diskussionen mit seiner Ehefrau, die dem kommunistischen Lager angeh?rt, befeuern diesen inneren Konflikt Santis erheblich.

"Milano Criminale" ist ein ganz besonderer Roman, den man mit Begeisterung verschlingen wird. Roversi gelingt es scheinbar spielerisch, die Lebensgeschichte zweier M?nner zu erz?hlen und dabei en passant die italienische Gesellschaft zu skizzieren. Er entwirft Bilder, die sich in die K?pfe des Lesers einbrennen und den glaubhaften Rahmen f?r die spannungsgeladene Geschichte von Antonio und Roberto liefern. Dabei setzt er jedoch nicht - wie viele seiner Kollegen - auf eine unglaubw?rdige Effekthascherei, sondern erz?hlt die Vorg?nge mit einer Unaufgeregtheit, die der Realit?t nahekommt und den Leser gefangen nimmt.

Auf jeden Fall hat das noch junge B?cherjahr 2013 mit "Milano Criminale" bereits seinen ersten Hingucker der Saison geboren. Die Geschichte von Roberto und Antonio wird garantiert viele Leser in ihren Bann ziehen und in Erwartung des Showdowns zwischen den beiden Protagonisten nicht schlafen lassen, bevor die letzte Seite umgebl?ttert worden ist.

Christoph Mahnel
11.03.2013

 
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Das Buch:

Paolo Roversi: Milano Criminale. Aus dem Italienisch von Esther Hansen

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Berlin: Ullstein Buchverlag 2013
464 S., 19,99
ISBN: 978-3-550-08875-9

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