Romane

Eine Stadt wider den Februar

Seit neunhundert Tagen herrscht nun schon der Februar über die (namenlose) Stadt und die Menschen. Den Einwohnern ist es nicht gestattet, ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Fliegen, nachzugehen. Jegliches Glücksgefühl scheint ausgelöscht. Stattdessen bestimmt unbändige Traurigkeit den trostlosen Alltag aller. Auch Thaddeus und seine Familie sind davon betroffen. Der ehemalige Ballonfahrer hat genug von der kalten Jahreszeit und würde alles dafür tun, um endlich wieder die Sonne zu sehen oder süße Beeren pflücken zu können. Ein Krieg gegen den Februar scheint unvermeidlich.

Thaddeus unternimmt anfangs zaghafte Versuche der Veränderung: Er und Tochter Bianca versuchen, einen Drachen steigen zu lassen - mit mäßigem Erfolg -, sie konsumieren eimerweise erfrischende Minze und die Liebe zueinander vertreibt den Kummer aus ihren Herzen. Nur leider will sich keine Änderung in der Situation einstellen, sodass härtere Geschütze aufgefahren werden müssen. Der Schlüssel zum Sieg sind die Männer von "Der Ausweg". Ihnen ist keine Anstrengung zu groß, um endlich die Herrschaft des Februars zu beenden. Einzig ein geeigneter Anführer fehlt ihnen noch. Thaddeus soll es sein, denn er fürchtet die schicksalhafte Begegnung mit dem Februar nicht und hat den Mut, für das Glück seiner Familie bis zum bitteren Ende zu kämpfen.

Mit einfachen, aber effektiven Tricks gelingt es ihnen, den Februar zum Rückzug zu zwingen: Sie gießen heißes Wasser auf die Straßen, sodass der Schnee schmilzt, sie tragen seltsame Holzkästen auf dem Kopf, aus denen die Sonne strahlt, und fröhliche Stunden erhellen Heim und Herz. Alles scheint für einen Sieg zu sprechen, bis eines Tages Bianca, Thaddeus` kleine Tochter, stirbt und Mutter und Vater an dem Verlust zerbrechen. Während sie ihrer Tochter ins Jenseits folgt, scheint er aufgeben zu wollen. Aber noch steckt noch ein wenig Kampfgeist in ihm. Und diesen hat er bitter nötig, denn die endgültige Entscheidung über Sieg oder Niederlage steht kurz bevor.

Shane Jones versuchte sich zuvor an Kurzgeschichten und Gedichten, bis schließlich sein erster Roman "Thaddeus und der Februar" erschien. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass das vorliegende Buch etwas Neuartiges in der Literatur darstellt. Jones experimentiert mit der beeindruckenden Kunstfertigkeit eines (Wort-)Jongleurs: Er vermischt die Erzähltechniken, spielt mit atmosphärischen Tiefen und entführt seine Leser in farbenvolle Fantasiewelten, in denen die Gesetze der Normalität außer Kraft gesetzt werden und sich alle Einzelteile zu etwas Besonderem verbinden. Dafür bedarf es nicht vieler Worte, wie Jones mit seiner poetisch-dichten Sprache eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Die Ungewöhnlichkeit des Romans spiegelt sich in den (Bleistift-)Zeichnungen wider. Bereits das Cover weckt das Interesse an "Thaddeus und der Februar". Schließlich entdeckt man in den Buchläden eher selten ein Buchexemplar, auf dessen Umschlag sich ein Mann mit einer Holzkiste auf dem Kopf an einem Ballon emporhangelt. Das Weiß glitzert ähnlich zart wie frischgefallener Neuschnee und animiert zum verzückten Näherbetrachten des Buches. Und es lohnt sich in jedem Fall, mehr als nur einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen. Schließlich lässt das Eintauchen in Thaddeus` Leben den Leser ein Stück Realität vergessen und eine andere Welt für sich entdecken.

Susann Fleischer
15.02.2010

 
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Das Buch:

Shane Jones: Thaddeus und der Februar. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Mit Illustrationen von Ria Brodell

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Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2010
176 S., 16,95
ISBN: 978-3-8218-6107-4

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