Romane

Tolstojs letztes Jahr aus der Sicht Dritter

Vor wenigen Tagen ist "Ein russischer Sommer" in den deutschen Kinos angelaufen. Der mit Top-Schauspielern (u. a. Helen Mirren, Christopher Plummer, James McAvoy und Paul Giamatti) besetzte Film wurde zuvor mit dem Hessischen Film- und Kinopreis als "Beste internationale Literaturverfilmung 2009" ausgezeichnet. Die literarische Vorlage liefert Jay Parinis gleichnamiger Roman, der vom letzten Lebensjahr des berühmtesten russischen Autors der Welt, Lew Nikolajewitsch Tolstoj, erzählt.

Russland 1910: Tolstoj, der Verfasser von "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden", ist auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens angelangt und kann sich auf seinem Landgut Jasnaja Poljana vor Jüngern kaum retten. Auch der junge Dichter Walentin Bulgakow meint Tolstoj besser zu kennen als irgendjemand sonst. In seiner Position als Tolstojs Sekretär und Schüler sind seine Kenntnisse keineswegs von Nachteil, aber zugleich bringen sie ihn in die Schusslinie eines langen, erbitterten Streits zwischen Lew Tolstoj und seiner Frau Sofja.

Nach 48 gemeinsamen Jahren tut sich eine schier unüberwindliche Kluft zwischen dem Ehepaar auf. Während Tolstoj sich seinen christlich-mystischen und sozialen Idealen von Enthaltsamkeit, Armut und wahrer Religion hingibt, kämpft seine Frau um dessen Aufmerksamkeit und Liebe. Aber nicht nur dieser hochemotionale Konflikt triebt eine Keil zwischen das Ehepaar, sondern auch Sofjas Sorge um ihre Zukunft und die ihrer Kinder: Sie sieht sich als rechtmäßige Erbin der Werke ihres Ehemannes und den daraus resultierenden Tantiemen, aber "Tolstojaner" Wladimir Tschertkow, ein enger Vertrauter des Autors, bestärkt Tolstoj darin, sein Werk dem russischen Volk zu vermachen. Kein Wunder also, dass lautstarke Wortgefechte und kleinere Handgreiflichkeiten ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Bis Tolstoj eines Tages genug davon hat und vor seiner ewig keifenden Frau flieht.

Während die einen sich streiten und langsam entzweien, entspinnt sich zwischen Walentin Bulgakow und Tolstoj-Verehrerin Mascha das zarte Band einer jungen Liebe. Allerdings können sie sich nur in den einsamen Nächten ihren Gefühlen hingeben, denn Tolstoj ist nichts mehr zuwider als sexuelle Zügellosigkeit. Sollte er (oder irgendjemand anderes) jemals von ihren allabendlichen Aktivitäten erfahren, würden sie nicht nur das in ihnen gesetzte Vertrauen verlieren, sondern einen getreuen Freund, der beiden wie ein liebevoller Vater ist. Einfacher wird es für das Liebespaar nicht, als Tschertkow und Sofja versuchen, Walentin im Konflikt um das Werk Tolstojs auf ihre Seite zu ziehen. Eine Katastrophe scheint unvermeidlich.

Jay Parini hat für seinen Roman "Ein russischer Sommer. Tolstojs letztes Jahr" die Tagebücher Tolstojs und seiner nächsten Angehörigen zur Grundlage genommen. Sie verleihen dem vorliegenden Buch nicht nur Authentizität, sondern gewähren dem Rezipienten auch Einblick in die Gefühlswelten aller sechs Ich-Erzähler. Trotz der Vielzahl an Erzähler-Perspektiven muss Verwirrung beim Lesen nicht befürchtet werden, denn jedes Kapitel ist mit dem Namen des jeweiligen Erzählers überschrieben. Dadurch hat der Rezipient die einmalige Gelegenheit, in verschiedene Rollen einzutauchen und Gefühle wie Liebe und Hass, Schmerz und Frohsinn als die eigenen zu erleben.

Das Cover zu Parinis "Ein russischer Sommer" steht symbolhaft für den Inhalt: Oben stehen sich ein Mann und seine Frau verbittert gegenüber. Sie haben sich nichts mehr zu sagen und die Jahre des Zusammenlebens scheinen eine tiefe Kluft zwischen ihnen hinterlassen zu haben. Unten hingegen erlebt man zwei frisch Verliebte, die sich möglichst nahe sein möchten und jede Sekunde des Zusammenseins zu genießen scheinen. Dieser zentrale Zwiespalt der Gefühle legt sich wie eine melancholische Schwermut sanft auf die Seiten des Buches und wirft ein facettenreiches, schillerndes Bild nicht nur auf Tolstojs Leben, sondern auch auf das seiner Mitmenschen. Es verwundert also nicht, dass Jay Parini seine Leser schon auf den ersten Seiten fesselt und nach dem Zuschlagen des Buches einer nachdenklichen Stimmung überlässt.

Susann Fleischer
01.02.2010

 
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Das Buch:

Jay Parini: Ein russischer Sommer. Tolstojs letztes Jahr. Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk

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Mnchen: C. H. Beck Verlag 2010
359 S., 14,95
ISBN: 978-3-406-59349-9

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