Krimis & Thriller

Alle Jahre wieder

In konsequenter Regelmäßigkeit veröffentlicht die in Venedig lebende Amerikanerin Donna Leon seit Mitte der Neunziger jedes Jahr im Juni einen neuen Brunetti-Roman, der im Spätherbst des darauffolgenden Jahres dann als Taschenbuch-Ausgabe rechtzeitig für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft auf den Markt kommt.

Im vorliegenden Buch „Lasset die Kinder zu mir kommen“, dem sechzehnten Fall Commissario Brunettis, geht es um illegale Adoptionen von Kindern, Missbrauch von Gesundheitsdaten, Rassismus und allerlei Lug und Trug, insbesondere italienischer Natur. Donna Leon fungiert hierin geradezu als Expertin, wobei allerdings anzumerken ist, dass sie ihren in englischer Sprache geschriebenen Werken immer noch die Übersetzung ins Italienische verweigert, will sie in ihrer Wahlheimat doch nicht als die von außen hinzugezogene Nestbeschmutzerin gelten.

Wer einen Brunetti-Roman kauft, den erwartet stets ein unverändertes Hintergrundszenario. Dieser Stammleser wird auch im neuesten Werk Leons nicht enttäuscht: Brunetti, der Anti-Kommissar mit sehr intaktem und gelebtem Familienleben und ausgiebig gepflegter Leidenschaft alles Kulinarischen, kommt wie immer ohne Schießerei und Blutvergießen aus, löst die Fälle dafür mit sehr menschlichem Einfühlungsvermögen und hohen moralischen Grundsätzen. Letztere werden durch die vorliegenden Fälle auch stets in extremum beansprucht.

Der neueste Brunetti-Fall gehört nach einigen schwächeren Büchern in den vergangenen Jahren ganz eindeutig wieder zu den stärkeren Werken Leons. Die Geschichte der Adoptionsschicksale mit all ihren Auswirkungen auf die Beteiligten wird dem Leser unter Einbeziehung von Brunettis ob des Falles stark beanspruchter Gefühlswelt sehr einfühlsam vermittelt, zwei zunächst unabhängig erscheinende Handlungsstränge werden aufgebaut und später sehr geschickt und logisch nachvollziehbar zusammengeführt.

Am Ende bleibt der Leser – wie so oft bei Donna Leons Brunetti-Romanen – verwundert zurück ob der Frage, wie sie es wieder einmal geschafft hat, den Leser zu fesseln, ohne einen wirklichen Spannungsbogen aufgebaut zu haben. Es scheint ihr kleines Geheimnis zu sein, dies zu erreichen, ohne einen „Showdown“ eingearbeitet zu haben, geschweige denn nur irgendwie erkennbar, die Geschichte auf einen Höhepunkt zusteuern zu lassen. Stattdessen plätschert die Story so dahin und löst sich irgendwann scheinbar von alleine. Auch bleibt wieder einmal eine den Leser zufriedenstellende Auflösung des Falles aus, insbesondere die moralischen Verwerflichkeiten der Großen und Mächtigen bleiben ungestraft. Es ist wohl Donna Leons Art der Schilderung dieser besonderen venezianischen Atmosphäre und der klar konturierten Charaktere, die solche Auslassungen mehr als nur kompensieren.

So ist es für den Leser wie immer ein kleiner Italien-Urlaub inklusive des Genusses verschiedenster italienischer Weine und Digestifs. Dazu labt man sich an den allabendlichen, abwechslungsreichen und stets mehrgängigen Menüs Signora Brunettis. Und der deutsche Leser mag sich darüber hinaus noch beruhigt zurücklehnen und glücklich konstatieren, dass die geschilderten Verhältnisse doch sehr italienisch und zum Glück ganz weit weg sind...

Christoph Mahnel
09.06.2008

 
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Das Buch:

Donna Leon: Lasset die Kinder zu mir kommen. Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke

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Zrich: Diogenes Verlag 2008
384 S., 21,95
ISBN: 978-3-257-06631-9

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