Autobiographie

Sicht eines Sohnes

Pierre Radvanyi ist der Sohn der Schriftstellerin, die sich Anna Seghers nannte. Für die Familie war sie "Tschibi" (Kücken). Radvanyi, Jahrgang 1926, hat das Buch "Jenseits des Stroms" geschrieben, das Erinnerungen an die Mutter verspricht. Das Buch des Seghers-Sohnes wurde aus dem Französischen übersetzt. Ohne die Sprache der Mutter, die Muttersprache des gebürtigen Charlottenburgers, ist Pierres - Peters - Schrift eher ein sachlicher Bericht denn eine erzählte Lebensgeschichte. Auflockernde Anekdoten unbeachtet gelassen!

"Jenseits des Stroms" ist am eindeutigsten und entschiedensten der Bericht über die Jahre des Exils und die Exilorte der vierköpfigen Seghers/Radvanyi-Sippe. Ist der Bericht eines Sohnes, dessen direkte Bindung an die Familie endete, als der Neunzehnjährige im September 1945 nach Europa, sprich Frankreich zurückkehrte. Die Erinnerungen an die Mutter konzentrieren die Sicht des Sohnes auf die bedrückenden, bitteren, doch lebensrettenden Exiljahre.

Vieles, was die Seghers-Forschung bisher offenlegte, wird wiederholt. Die Distanz, aus der heraus Radvanyi berichtet, fördert nicht unbedingt die Anteilnahme der Leser an dem Lebensbericht. Nicht mal die Darstellung des tragischen Unfalls, der Anna Seghers am 24. Juni 1943 fast aus der Welt schleuderte, berührt besonders. Berührend ist hingegen ist die Traurigkeit der Schriftstellerin, die in Tränen ausbricht, als sie vom Sohn erfährt, daß eine Kopie des noch unveröffentlichten Romans "Das siebte Kreuz" vernichtet werden mußte, damit das Manuskript "nicht in die Hände der Nazis fällt". Berührend, weil die sonst so Beherrschte, auch Beherzte, in ihrer Betroffenheit und Bestürzung zu sehen ist.

Vier Jahrzehnte hat Anna Seghers den Unfall überlebt. In dem schmalen Band ist nicht allzu viel über diese Zeit zu erfahren. Wesentliches wird in komprimiertester Weise zusammengefaßt. Schade, denn es sind die Jahrzehnte, die Anna Seghers in der DDR lebte. Jahrzehnte in denen der französische Staatsbürger Pierre Radvanyi nur noch als Besucher Gesprächspartner der Eltern war. Resistent gegenüber Dogmen und Ideologien, nimmt Pierre wahr, daß auch seine privilegierte Mutter eine Gefangene der Gesellschaft ist. Hätte Anna Seghers, geborene Netty Reiling, handeln können, wie sie das als Netty Reiling gern getan hätte, so wäre ihr Geburtsort Mainz auch ihr Sterbeort geworden. Das ist keine simple Vermutung des Sohnes, der sich in seinen Äußerungen über die alternde, ängstliche Mutter eher aufs Andeuten denn Ausführen verlässt, verlassen muß, verlassen will.

Das wird alle Kritiker auf den Plan rufen. Jene, die meinen, die Ehre der Anna Seghers retten zu müssen. Jene, die ohnehin die Versäumnisse der DDR-Bürgerin stets lustvoll auflisten. Pierre Radvanyi ahnt das und versucht, kurz, allzu verkürzt, Haltungen und Handlungen der Mutter zu erklären. Die beste Erklärung wäre gewesen, der Sohn hätte die Mutter vor aller Öffentlichkeit in die Arme genommen. "Jenseits des Stroms" ist ein veröffentlichter Bericht des Sohnes über sich und seine Mutter. Die Geschichte einer Mutter-Sohn-Beziehung sind die "Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers" nicht.

Bernd Heimberger 
03.09.2005

 
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Das Buch:

Pierre Radvanyi: Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers

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Berlin: Aufbau Verlag 2005 153 S., 15,90 ISBN: 3-35102-5939

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