Autobiographie

Kostbare Erinnerungen fr jede Generation

Karin Jaques hat einen Erzählband geschrieben, der nicht nur ihr Leben widerspiegelt, sondern auch Lebensvorstellungen. Tiefgründig betrachtet sie die Zeit beim Revuepassieren ihres Lebens. Sie schildert, was sie bewegt, wie sie sich gefühlt hat, welche Entscheidungen sie getroffen hat, wie sie ihr Leben gemeistert hat. Dabei ist eine Geschichte entstanden, die weit über das Biografische hinausgeht, die die Gesellschaft betrifft und anspricht.

Alles beginnt mit dem Krieg und der Nachkriegszeit. Da hinein wurde die Autorin geboren. Entbehrungen waren an der Tagesordnung. Bombenangriffe und Tiefflieger bestimmten den Alltag. Angezogen im Bettchen liegen, um bei Alarm kerzengerade dort zu verharren, bis man in Panik von den Eltern gepackt wurde, um in Bunkern oder Kellern ängstlich zu warten, bis alles vorbei war - nur damit es sich immer wieder wiederholen konnte. Sind das die guten alten Zeiten, an die man sich so gerne erinnert?

Später dann studiert sie, geht in die Schweiz, wird selbständig und ist doch abhängig. Das Fotografieren nimmt einen bedeutenden Teil in ihrem Leben ein, doch als eines Tages ihre Arbeiten, ihre Collagen, mit denen von Warhol verglichen werden, zweifelt sie am System und ist verärgert. Ihre eigene Ausdrucksform wurde falsch identifiziert. Sie hatte keinen geistigen Diebstahl begangen und wurde dennoch verglichen. Das wollte sie nicht, sie hatte etwas Neues schaffen wollen, denn sie war originell, sie selbst und nicht wie Warhol. Wieder Enttäuschung, was für Zeiten waren das nur?

Sie geht eine Vernunftsehe ein. 20 Jahre lang führt sie diese um am Ende zu erkennen, dass diese 20 Jahre eine lange Kette immer wieder aufgeschobener Trennungsabsichten war. Kinder wurden in sie hineingeboren und dabei kommt die Frage auf, in was für einer Welt die Jugendlichen heutzutage leben. Wie war das früher, wo Männlein und Weiblein noch getrennt wurden, Jungs in Hosen und Mädchen in Röcken zur Schule kommen mussten, man seine Jungfräulichkeit behalten sollte, bis zur Ehe, Aufklärung etwas schrecklich Sonderbares war. Wie ist es heute, wo die Klassen gemischt sind, die Kleidung gar nicht aufreizend genug sein kann, ein Handy in der Hosentasche und ein Walkmankopfhörer im Ohr steckt und das auch während des Unterrichts normal ist, Mädchen und Jungen schon mit 14 Eltern werden. Doch eines ist bei näherer Betrachtung auch klar: Die Jugendlichen sind nur das Produkt der unverantwortlichen Toleranz und Fahrlässigkeit der Erwachsenen. Und wieder die Frage - war es früher besser?  Eine neue Ehe und ruhigere Fahrwasser halten Einzug, doch die Sehnsucht nach einer scheinbar besseren "guten alten Zeit" bleibt.

Das Rad der subjektiven Zeit dreht sich heute einfach schneller. Der nur auf Konsum ausgerichtete Trend machte es notwendig, sich immer schneller und immer früher anzupassen, will man nicht überholt und beiseite geschoben werden. Die Autorin liefert zwei passende aber zugleich beängstigende Beispiele für diese Zeit. Zum einen immer wieder Kinder, die in der einen Hand das Abendfläschchen halten und in der anderen die Computermaus. Zum anderen das Internet, einst so anders gedacht, zeigt, dass Segen und Heil von Neuerungen, Erkenntnissen und Errungenschaften meist nur im Missbrauch enden, wie man sieht.

Dieses Buch lädt ein zum Nachdenken und Diskutieren. Die Autorin hat es geschafft, in ihr Leben die Problematik einer ganzen Gesellschaft einzubinden. Kein Thema spart sie aus, keines kommt zu kurz. Das Älterwerden, die Pflege und die Sterbehilfe sowie auch die Abtreibung sind Themen der Zeit. Feminismus und Emanzipation ebenso, aber auch Beziehungskrisen, Depressionen, Alkohol- und Drogensucht und Völkerkriege. Der Leser hat immer die frühere Zeit vor Augen, kann sie mit der heutigen vergleichen. Karin Jaques hat viele Jahrzehnte miteinander verglichen, auf ihre ganz eigene Art und Weise. Kostbare Erinnerungen für jede Generation.

Tanja Küsters
15.06.2009

 
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Das Buch:

Karin Jaques: Aus der Zeit gefallen. Biographische Betrachtungen zum Thema Zeit und Erinnern

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Frankfurt am Main: Frankfurter Literaturverlag 2007
333 S., 18,40
ISBN: 978-3-86548-884-8

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