Medien & Gesellschaft

Gefangen im eigenen Ich

Barbara Kelterborn führt uns mit "Singen in der Nacht" mitten hinein in ihr Inneres, offenbart uns ihr Seelenleben. Zu Beginn fiebert der Leser mit ihr, ob sie die depressive Erkrankung, wegen derer sie unter Panikattacken und Schlaflosigkeit leidet, mithilfe der Tabletteneinnahme überwinden kann. Aber ihre Ausbrüche, die wie Selbstkasteiungen wirken, weisen einen anderen Weg. Schließlich lässt sie sich doch in die psychiatrische Klinik einweisen, was sie aber wie eine Selbstaufgabe empfindet. Drei Monate wird sie dort verweilen. Die Unterstützung ihres Ehemannes und der Kinder ist der Autorin immer gewiss.

Jetzt folgen die schwierigen ersten Wochen in der Klinik, dann das allmähliche Aufatmen und das Einfühlen in ein völlig neues Umfeld, das Kennenlernen der speziellen Lebensgemeinschaft der Patienten und die Erkenntnis: Ich bin nicht alleine mit meiner kranken Seele.

Einfühlsam geht sie nach allmählich einsetzender Heilung auf die anderen Leidensgenossen ein, von denen jeder unter ganz besonderen Symptomen der Krankheit leidet. Zur Heilung von Barbara Kelterborn tragen viele Aspekte bei, vor allem aber das Hören von Musik, das Gebet und ihre eigene künstlerische Arbeit, wie Zeichnen und Modellieren, und nicht zuletzt die Freude an Bewegung, Spaziergängen und die zunehmende Wahrnehmung der Schätze der heimatlichen Bergwelt und des Zürichsees.

Schließlich kommen ihre Lebensfreude und der Appetit zurück. Resümierend kann sie feststellen, dass sie eine intensive, schwierige, klärende und dennoch schöne Zeit in der Klinik verbracht hat und diese eine Lebensschule ganz besonderer Art ist.

Die durchstandene Depression hat sie offen für vieles gemacht und so ihr Leben bereichert. Spät erkannte sie, dass das Hochtal im Prättigau und die Weite der Parsenn sowie der Zürichsee mit seinen Dörfern sie geprägt haben. 
So wird klar, dass sich das Leben der dreifachen Mutter im Spannungsbogen zwischen Leben auf der Hochalp und Sprachstudium an der Universität Zürich bewegt hat.

Die inneren Kämpfe und die genaue Beobachtungsgabe ihrer Umwelt haben Barbara Kelterborn ein weites Feld geöffnet; sie lässt sich auf sich selber ein und schafft damit ein bemerkenswertes Buch, das einen breiten Leserkreis anspricht, sowohl Erkrankte wie sogenannte Otto-Normalverbraucher als auch Angehörige, aber auch Psychiater, die mit den unterschiedlichen Erscheinungsbildern von kranken Seelen ständig konfrontiert sind.

Der offene Umgang mit der eigenen psychischen Erkrankung kann sicher auch dazu beitragen, noch immer herrschende Vorurteile gegenüber den Patienten in psychischen Kliniken abzubauen. Und damit ist mit "Singen in der Nacht" in vielfacher Hinsicht geholfen.

Dr. Helga Miesch
11.11.2013

 
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Das Buch:

Barbara Kelterborn: Singen in der Nacht. Der Weg einer Depression

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2013-11-09
110 S., 12,40
ISBN: 978-3-8372-1313-3

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