Medien & Gesellschaft

Moments in time

W?hrend in Geschichtsb?chern offiziell der 23. Mai 1949 als Gr?ndungsdatum der Bundesrepublik Deutschland aufgef?hrt wird, behaupten nicht wenige, dass deren eigentliche Geburtsstunde der 4. Juli 1954 war. Warum? An jenem verregneten Nachmittag gewann n?mlich im schweizerischen Bern die deutsche Fu?ball-Nationalmannschaft erstmals den Weltmeistertitel und dies v?llig ?berraschend gegen scheinbar ?berm?chtige Ungarn. Dieser Titelgewinn sorgte inmitten des Wirtschaftswunders f?r ein ganz besonderes Wir-Gef?hl in der deutschen Nation und verlieh dieser neun Jahre nach Kriegsende ein Selbstbewusstsein, das den Motor des Aufschwungs nicht unerheblich befeuerte.

Wie das Beispiel des "Wunders von Bern" zeigt, hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Beispiele daf?r gegeben, dass sportliche Ereignisse in brisanten Situationen und Konstellationen einen nicht unerheblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte hatten. Die australische Produzentin Jan Stradling pr?sentiert in ihrem Buch "Wenn Sport Geschichte schreibt" Beispiele f?r Sportwettk?mpfe, die ganze Nationen elektrisierten und ob ihrer Tragweite in den K?pfen der Menschen bis ans Ende der Tage pr?sent sein werden.

Insgesamt 28 Episoden finden sich in der vorliegenden deutschen Publikation von Jan Stradlings Werk wieder. Gegliedert in f?nf Oberkapitel wird an sportliche Ereignisse erinnert, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten ins Ged?chtnis der Menschheit eingepr?gt haben. Unter "Stolz und Vorurteil" findet sich Jesse Owens Goldrausch w?hrend der Nazi-Spiele von Berlin oder die skandaltr?chtige Siegerehrung des 200-Meter-Laufs von 1968 in Mexico-City, als die beiden farbigen US-Amerikaner John Carlos und Tommie Smith w?hrend ihrer Nationalhymne den schwarzen Handschuh als Symbol der Black-Power-Bewegung in die H?he reckten.

Das umfangreichste Kapitel "Flagge zeigen" erinnert neben dem "Wunder von Bern" an weitere Sportereignisse von nationaler Bedeutung wie das Croke-Park-Massaker am Blutsonntag 1920 in der irischen Hauptstadt Dublin, als w?hrend des anglo-irischen Kriegs britische Truppen bei einem Gaelic-Football-Spiel im Croke Park auftauchten, dort wahllos in die Menge schossen und dabei vierzehn Menschen t?teten. Weniger um Leben und Tod, doch um gro?es nationales Prestige ging es bei den legend?ren Olympischen Finals im Basketball 1972 und im Eishockey 1980 zwischen den USA und der UdSSR zur Bl?tezeit des Kalten Kriegs. Der jeweils knappe, dramatische und vor allem unerwartete Ausgang trug nat?rlich seinen Teil zur Legendenbildung bei.

Es folgen drei etwas k?rzer geratene Kapitel, in denen es um besondere Fu?ballspiele, den Geschlechterkampf und unfaire Praktiken im Sport geht. In letzterem darf nat?rlich Ben Johnsons Dopinglauf im 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele von Seoul 1988 nicht fehlen, als die Welt zun?chst vor Begeisterung und schlie?lich vor Emp?rung aufschrie. Seine ?berf?hrung markierte einen Meilenstein im gesellschaftlichen Bewusstsein der Neuzeit, was die Einhaltung des Fair-Play-Gedankens betrifft.

Die urspr?ngliche australische Publikation Jan Stradlings wurde f?r die vorliegende deutsche Version um das Kapitel des "Wunders von Bern" erg?nzt. Was dieses Buch f?r den hiesigen Sportfreund so interessant macht, ist die Perspektive, mit der die Kapitel ausgesucht wurden. Vom anderen Ende der Welt hat man schlie?lich einen leicht adjustierten Blickwinkel auf die Dinge und dies schl?gt sich nieder in der Selektion von Sportereignissen, die hierzulande h?chstens am Rande bekannt sein d?rften. Beispielhaft ist dabei die Springboks-Tour von 1981 zu nennen, als eine s?dafrikanische Rugby-Auswahl auf dem H?hepunkt des Apartheidsystems und trotz des weltweiten Embargos in Neuseeland willkommen gehei?en wurde. Demonstrationen und Krawalle in Neuseeland sorgten w?hrend der monatelangen Tour f?r eine v?llige Isolation S?dafrikas in der Sportwelt und sind sicherlich ein kleiner, aber nicht unerheblicher Anlass daf?r gewesen, das Ende der Apartheid in S?dafrika zu beschleunigen.

"Wenn Sport in Geschichte schreibt" ist eine unterhaltsame und erhellende Lekt?re. Neben dem St?bern in Erinnerungen an besondere Spiele und Ereignisse ist deren im Buch vorgenommene geschichtliche Einordnung f?r den sport- und geschichtsinteressierten Leser h?chst empfehlenswert. Die L?nge der Kapitel mit etwa zehn Seiten ist sehr konsumentenfreundlich, die leicht angegrauten Bilder vor allem bei den etwas l?nger zur?ckliegenden Ereignissen verm?gen es, den Leser in eine vergangene Epoche zu versetzen. Durch eine Auflistung sonstiger geschichtlicher Ereignisse in dem betroffenen Jahr wird in jedem Kapitel eine zeitliche Einordnung des Ereignisses in den weltpolitischen Hintergrund vorgenommen, die den grundlegenden Ansatz des Buches, die Wechselbeziehung von Sport und Geschichte zu unterstreichen, gut unterst?tzt. In diesem wirklich gelungenen Buch wird sich zeitlebens st?bern lassen, so dass man nicht umhinkommt, eine uneingeschr?nkte und sofortige Kaufempfehlung auszusprechen.

Christoph Mahnel
02.07.2012

 
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Das Buch:

Jan Stradling: Wenn Sport Geschichte schreibt

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Hamburg: National Geographic Deutschland 2012
312 S., 29,95
ISBN: 978-3-86690-235-0

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