Medien & Gesellschaft

Hat die deutsche Sprache eine Zukunft in einer globalisierten Welt?

Jutta Limbach ist eine deutsche Rechtswissenschaftlerin und Politikerin der SPD, von 1994 bis 2002 Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und in den letzten sechs Jahren (2002-2008) Präsidentin des Goethe-Instituts.  

Die einschlägigen Lexika weisen es nicht aus, dass Frau Limbach insbesondere ein liebender Mensch ist. Das Objekt ihrer Zuneigung: die deutsche Sprache. Eine platonische Beziehung, die sich auf schmalen 106 Seiten des Schriftsatzes "Hat Deutsch eine Zukunft?" mit Pathos und wehenden Fahnen zu einer Sinfonie des reaktionären Denkens sowie des erhobenen Zeigefingers entfaltet.

Die besprochenen Themenfelder betreffen vielfältige Aspekte des Einsatzes der deutschen Sprache im mehrsprachigen Gesamtkonzept als oberstes Bildungsziel: u.a. Deutsch als Wissenschaftssprache, Einfluss der Anglizismen auf das gesprochene Deutsch oder Kulturverlust infolge der Durchsetzung von Einsprachigkeit. Der interessierte Leser erfährt aus erster Hand zunächst zahlreiche interessante Fakten: dass z.Z. 38 Millionen (Deutsch-)Muttersprachler in Europa leben und darüber hinaus weitere 63 Millionen Deutsch als Fremdsprache sprechen. Oder auch die Tatsachen, dass für die Europäische Union rund 800 Konferenzdolmetscher arbeiten und weitere 2700 freiberufliche Dolmetscher jederzeit mit Aufträgen der EU versorgt werden. Der sehr verständliche Schreibstil der Autorin erfreut, der Lesefluss wird aber viel zu häufig vom unsäglichen Betonen der geschlechtlichen Berücksichtigung (-in/-innen) unterbrochen. Die forcierte Gleichstellung wirkt aufgesetzt, stellenweise gar unfreiwillig komisch.

Die Lebenskraft und die Schönheit der deutschen Sprache stehen für die Autorin außer Frage. Sorgen bereiten ihr deren Status in Europa und der Welt. Die Gefahren von Marginalisierung und in letzter Konsequenz des Verschwindens des Idioms, das Goethe und Schiller nachdrücklich geprägt haben, gebärt eine Schreckensvision, die konsequent, aber konsequent falsch, zum intellektuellen Totalschaden für die Menschheit hochstilisiert wird.

Limbachs Argumentationskette ist ein kläglicher Versuch, auf einen Radkranz eckige Reifen anbringen zu wollen, um damit jeder Interessengemeinschaft gerecht zu werden. Es verwundert nicht, dass sich die EU, auf der Schnellstraße der Moderne, sehr holprig und schwankend fortbewegt und darüber hinaus die mögliche Entwicklungsgeschwindigkeit nicht annährend erreicht.

In der festen Überzeugung, das Richtige zu repräsentieren, gerät die Autorin blindlings in die gefährlichen Strudel der Dogmatik, indem sie von der Einsprachigkeit, wie vor einer tödlichen Krankheit warnt: Einsprachigkeit bringt Einfältigkeit, wobei "… der Einfältige sich eher anmaßt, der Schöpfung ins Handwerk zu pfuschen als derjenige, der um die Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins weiß."

Der intellektuelle Gewinn der Mehrsprachigkeit wird aber nicht nur darin erschöpft, dass jedes Individuum sich Kenntnisse in weltweit 6417 gesprochenen Sprachen (Tendenz dramatisch fallend) aneignen kann oder mit dem Konzept der persönlichen Adoptivsprache zur Mehrsprachigkeit "erzogen" wird. Jedem soll es überlassen bleiben, über eine weltweite einheitliche Plansprache hinaus (die keine aktuell gesprochene (Hoch-)Sprache sein darf – auch kein Englisch), sich der, dann nur regional gesprochenen, aktuellen Hochsprachen zu bedienen.

Insbesondere das Konzept der persönlichen Adoptivsprache, entworfen in sicherlich nicht wenigen (oder doch?), kostenintensiven Arbeitsstunden eines Teams „von Intellektuellen“, im Auftrag des Präsidenten der europäischen Kommission, Leonard Orban, kommt einer Totgeburt gleich. Die Idee, dass jeder Bürger der EU eine besondere Sprache wählen kann (soll, muss?), "…die sich von der Mutter- als auch der internationalen Verkehrssprache unterscheidet", lässt jegliches Problemlösungsdenken der Arbeitsgruppe vermissen. Der Koordinationsaufwand dieser Maßnahme ist enorm, das erhoffte Ergebnis mindestens fragwürdig. Dabei wird die eigentliche Problematik des Bürokratieaufwandes aufgrund der aktuellen Sprachenvielfalt nicht mal ansatzweise abgeschwächt, geschweige denn zufriedenstellend gelöst.

"Hätten wir auf Erden nur eine Sprache, wir hätten uns bald nichts mehr zu erzählen." Das stimmt so nicht Frau Limbach. Wenn dies der Fall wäre, so hätten die Menschen einen gewichtigen Anlass weniger, sich voneinander abzugrenzen. Sie würden ein Identifikationsmerkmal verlieren, wofür sie, um es zu bewahren, zu kämpfen bereit wären. Ist das nicht eine wahrlich beängstigende Vorstellung!?

Pavle Veraja
04.08.2008

 
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Das Buch:

Jutta Limbach: Hat Deutsch eine Zukunft?

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Mnchen: Verlag C. H. Beck 2008
106 Seiten, 14,90
ISBN 978-3-406-57234-0

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