Biographie

Strategien eines Solisten

Das ist dem Erwin Strittmatter nicht geschehen! Das konnte ihm nicht geschehen, dass ihm die Leute seine B?cher ?ber den Gartenzaun auf sein Anwesen warfen. Das ist die w?tende Reaktion der Norweger gewesen, um Knut Hamsun zu sagen, was sie von seiner Sympathie f?r die Nazis hielten.

Erwin Strittmatter verehrte Hamsun, dem er die Kollaboration mit den Faschisten verzieh? Wollen wir uns das auch noch fragen? Und darauf, auch darauf, keine endg?ltige Antwort finden? Wie auf so viele ungenau gebliebene Kriegserlebnisse des Erwin Strittmatter (1912-1994). Gewissheiten gibt?s offensichtlich keine. Trotz weiterer, ausgewerteter Materialien aus dem privaten Archiv Strittmatters. In das konnte die Historikerin und Journalistin Anette Leo nicht nur einen fl?chtigen Blick tun. Sie hat keine beliebige Biographie geschrieben. Mit Nachdruck wird das Ver?ffentlichte als "Die Biographie" angek?ndigt und verbreitet. "Die Biographie" h?tte durchaus als "Meine Strittmatter-Biographie" ausgeh?ndigt werden k?nnen. Das ist sie zuerst. Also die der unverhohlen subjektiven Historikerin, die sich h?tet, absolute Gewissheiten zu artikulieren. Da haben sich vorangegangene Biographen schon vertan. Die Subjektivit?t der Autorin macht die Biographie lebhafter und lesbarer. Sie ist nicht der starren chronologischen Darstellung des Strittmatter?schen Lebenslaufes verpflichtet. Vorausschauen, R?ckschauen sind gestattet, die sich jeder Erinnernde gern erlaubt.

Annette Leos Strittmatter-Biographie ist ein Buch einzelner, ausgew?hlter "Mosaiksteine", wie sie sagt, die sie "zu einem Bild zusammenzusetzen versuchte". "Ich", sagte die Verfasserin auch, "tue dies aus dem Blickwinkel der Nachgeborenen, der zweiten Generation, ich bin eine Frau, ich habe in der DDR gelebt, und ich stamme aus einer Familie, deren Mitglieder w?hrend der NS-Zeit zu den Verfolgten geh?rten ..." Mit dieser pers?nlichen Pr?gung sieht sie die Strittmatter-Biographie auch als die eines gew?hnlichen "Mitl?ufers". Leo hat sich gr?ndlich mit Strittmatters Tun und Lassen w?hrend des Zweiten Weltkriegs besch?ftigt. Da dieser Teil der Lebensdarstellung der Kern des Buches ist, ist es in seiner Gesamtheit eine politische Biographie. Die wird zudem dadurch verst?rkt, dass Strittmatters politisches Verhalten in der Nachkriegszeit im Kontext zum Vorausgegangenen gesehen wird.

Erwin Strittmatter war offensichtlich ein unkritischer Kriegsteilnehmer. Er war ein naiver Bejaher der sogenannten "demokratischen Erneuerung", wie sie in der SBZ/DDR praktiziert wurde. Strittmatters Pers?nlichkeit verstanden, war er seinem Wesen nach ein unpolitischer Mensch, der politischen Verstrickungen nicht entkam. Sagt die Autorin so entschieden nicht. Tatsache bleibt: Strittmatter war kein Nazi und kein Antifaschist. Er war kein Militarist. Er war Pazifist. Er ist nie zu einem treuen Marxisten geworden. Erwin Strittmatter ist kein "Gemeinschaftsmensch" gewesen. So hat er sich selbst treffend eingesch?tzt. Diese Festlegung ist einem bisher unbekannten Brief entnommen, den Leo f?r die Recherche der Biographie nutzen konnte. Nicht, um einen Strittmatter vorzuf?hren, der im Politischen wieder und wieder versagte. Der in seinen ambitioniert autobiographisch bestimmten Romanen ("Ochsenkutscher", "Der Wundert?ter", "Der Laden") Ereignisse und Entscheidungen seines Lebens mit unlauterem Vorsatz kaschierte. So autobiographisch Literatur oft ist - insbesondere die des Erz?hlers der Lausitz und ihrer Leute -, Literatur ist Literatur. Sie ist nicht das Leben. Annette Leo erw?hnt die "Wandlungsf?higkeit von Strittmatters biographischem Ged?chtnis". Aber ja doch! Aber in dem Unterton? Was f?r ein Erz?hler w?re Strittmatter geworden ohne die Wandlungsf?higkeit? Literarische B?cher sind zumeist die Wunschbiographie der Schreiber. Das einem Schriftsteller zum Vorwurf machen? Wer diktiert der Literatur die Gesetze?

Geringf?gig variiert schreibt Anette Leo, wenn sie reale Situationen und Schriftst?cke vergleicht: "Es ist anzunehmen, dass ..." Das hei?t? Die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung sind verwischt? Also sich der Einsicht nicht verschlie?en, "[d]ass Schreiben eine Quelle der Verzweiflung und zugleich ihr Hilfsmittel ..." ist, wie Leo notiert? Richtig! Mit dieser gewonnenen Erkenntnis beim Betrachten der Strittmatter?schen Lebensgeschichte hat die Biographin einen oft verzweifelten Zweifler sehen k?nnen. Einen lebenslang zweifelnden Verzweifler?

Erwin Strittmatter war ein Solist. Ein schwankender zudem, der seinem solistischen Sein nicht recht traute und vertraute. Oder doch? Zumindest im Schreiben? Das war sein Leben, das! Und das bestimmte seinen Lebenslauf. Also stahl er sich weg. Immer eindeutiger aus dem Politischen, in dem seine Literatur immer wieder landete. Auch aus der Familie? Erwin Strittmatter war dreimal verheiratet. Er zeugte sieben S?hne. Und war den S?hnen kaum ein verl?sslicher Vater. Annette Leo verspricht, dass sie auch aus dem Blickwinkel der Mutter guckt. Ein  weites Feld! Es w?re ?beraus erfreulich gewesen, die Autorin h?tte es sorgf?ltiger beackert. ?ber Strittmatter und die Frauen, Strittmatter und die S?hne w?re sicher noch einiges zu sagen. Muss das sein? Noch eine Geschichte ohne die Frauen, ohne die Kinder w?re eine Strittmatter-Geschichte ohne den Schulzenhof. Ohne den w?re f?r Erwin Strittmatter die Welt nicht gewesen, die ihm Welt war. In der ist noch genug Stoff f?r die n?chste Biographie. So wie dem Erwin Strittmatter in seinem Leben immer Stoff genug f?r seine Literatur war.

Bernd Heimberger
13.08.2012

 
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Das Buch:

Annette Leo: Erwin Strittmatter. Die Biographie

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Berlin: Aufbau Verlag 2012
448 S., 24,99
ISBN: 978-3-351-03395-8

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